Das Geschenk

Ich wünsche all meinen Lesern ein frohes und gesegnetes Weihnachtsfest!
Ihre Ahnenfreundin

Text aus ´Die Frucht des Zigeuners´ 1995, Kap. 22

Die alte Rosi hat ein Geschenk erhalten, weniger ein nette kleine Gabe, als vielmehr eine Herausforderung, eine große Herausforderung, wo es am Ende heißt – Daumen hoch oder Daumen runter? ….

Zeit zu gehen

So kam es, dass nach manch schwerem Jahr
ich noch immer ein Lehrling auf Erden war.
Nun war ich alt und fast ohne Besitz,
all meine Mühen waren nur ein Witz.
Hab´ nur wenig Gescheites zusammengebracht,
geschweige denn meinen ´Meister´ gemacht.
Denn ist dies nicht unser höchstes Ziel,
dass man meisterlich sich entwickeln will?

Also sucht ich mich selbst über Wasser zu halten,
wollte würdig und frei mein Leben gestalten.
Ich zog in ein Häuschen im kleinsten Nest,
wo sich´s fast zum Nulltarif leben lässt.
Was bringen die Alten noch für einen Nutzen?
Sie können nichts mehr, also gehen sie putzen.
Da kommt am Ende zwar nicht viel raus,
aber gleich sieht das Leben erfüllter aus.
Denn ist man in einer Gemeinschaft drin,
so ist´s für die Alten ein großer Gewinn.

Man muss sich nur zunehmend dumm anschicken,
dann kann man vor schwerer Arbeit sich drücken.
Je gekonnter die Alten den Narren spielen,
desto fähiger wird sich die Jugend fühlen.


Solch Arbeitsplatz wäre ganz ohne Sinn?

Für die Firma ist´s letztlich doch ein Gewinn.
Nein, so ein Gnadenjob ist nicht ganz ohne:
Er bildet des Leistungswahns Pufferzone.
Solch Phänomen sah mein Chef wohl ein,
und so durfte ich in seinen Diensten sein.

Nun war ich geladen zum Tisch meines Herrn,
zum geselligem Fest unterm Weihnachtsstern.
Doch zwischen fröhlichen Stimmengeschnatter,
zwischen Kaffeeduft, Stollen und Tassengeklapper,
zwischen roten Kerzen und Tannengrün
sah ich dunkle Wolken vorm Fenster ziehen.


Ich trat vor die Tür, sah zum Himmel empor:
Ein höllisches Unwetter stand uns bevor.
Nie zuvor sah ich Wolken so grau und dicht –
halb vier – und überall brannte schon Licht.

Mein Weg ist weit, dacht´ ich sorgenvoll,
und der schneidende Sturm haust böse und toll.
Wie leicht wär mein Heimweg mir abgeschnitten!
Wie schnell wär im Eise ich ausgeglitten!
Wer fände mich unter der weißen Pracht
in solch einer frostigen stürmischen Nacht?
Kein Mensch würd´,
wenn eisige Schneestürme fegen,
sich zur Mitternachtsstunde hinausbewegen!

Die Jüngste bin ich ja längst nicht mehr,
das Bücken und Laufen fällt zunehmend schwer.
Trotz allem fühl ich mich sehr geehrt,
wie gerecht und gütig man mit uns verfährt.
Denn mein Chef lädt Weihnachten alle ein!
Als würd´ selbst die Putzfrau ihm wichtig sein.
Solch edle Gesten finde ich toll!
Wie ist doch mein Herr so verständnisvoll!

Trotzdem könnt´ ich nicht bis zum Schlusse bleiben,
denn schon begann´s schauerlich, Schnee zu treiben.
Meine Rückfahrt nach Haus
würde mühsam und schlimm,
weil im Finstern ich blind wie ein Maulwurf bin.
Also fort, eh die Fete noch lustiger würde!
Es erweist sich mein Heimweg als ernsthafte Hürde.

Dem Anstand wollt´ ich zwar gerne entsprechen,
doch das Wetter drängte mich, aufzubrechen.
Der zwanglose Teil mit dem üppigen Schmaus –
fiel zum großen Bedauern für mich leider aus.
Auch fürchtete ich, manchen Spaß zu verpassen,
doch sicherer schien mir, das Fest zu verlassen.
Wie könnt´ ich beim Feiern unbeschwert sein,
fiele stets mir mein schwieriger Rückweg ein?
So tat´s mir zwar Leid um das Kalte Büfett,
doch satt bin ich, wenn ich solch Wetter seh´.

Dem Chef wollt´ persönlich ich Danke sagen.
Angeblich, so sagt man, gehöre sich das.
Doch er war belagert von allen Seiten,
so dass ich solch Höflichkeit schließlich vergaß.
Was soll´s! Er kennt mich ohnehin kaum,
denn ich putze nur bisschen im Lagerraum.
Zu den besseren Arbeiten, wichtig und schwer,
tauge ich nämlich schon lange nicht mehr.
Glaub nicht, dass in seinem so großem Betrieb –
ihm die Reinemachfrau im Gedächtnis blieb.

Nach mir altem Putzteufel, grau und krumm,
schaut sich lange keiner der Herren mehr um.
Aber irgendwie hab ich noch Freude dran,
ein wenig zu werkeln, so gut ich kann.
Ist auch meine Leistung verschwindend klein,
ich darf meinem Herren noch dienstbar sein.
Ich verdien´, was ich brauche und leid´ keine Not.
Doch in Wahrheit erhalt ich mein Gnadenbrot.

Doppelter Grund, ganz leis zu verschwinden,
um sicher den dunklen Heimweg zu finden.
Bald werden die Rädchen sich ohne mich drehen.
Ich lächle zum Himmel hin: Zeit zu gehen.
Denn ich kann alles anschauen, wie ich nur will –
die künftigen Feiern versprechen nicht viel.

Wie die Kletten hängen die Großen am Boss
und schmeicheln ihm sichtbar und hemmungslos;
da fehlt´s noch, dass ich mich nach vorne dränge –
und aufdringlich-lästig mich an ihn hänge –
um ihn mit allerhand dummen Geschwafel
den Nerv zu klauen an der festlichen Tafel.


Höflichkeit hin und Dankbarkeit her –
was ich denk oder fühl, interessiert keinen mehr.
Auch muss ich nicht kratzen um höheres Gehalt,
ich bin doch zufrieden, einfältig und alt.

Ich mag meinen Herrn!
Bin ihm dankbar von Herzen!
Doch dies nicht zu wissen, wird er verschmerzen.
Was hat er nicht alles um seine Ohren!
Die Zeit, ihn zu stören, wär wirklich verloren.
Es reicht, wenn all die bedeutenden Leute
die großen Probleme, die anstehen heute,
sehr wichtigtuerisch vor ihn bringen,
um ihm seine Wertschätzung abzuringen.


Wer sich eifrig bekümmert um alle Welt,
dem scheint schnelle Beförderung
in Aussicht gestellt.
Deswegen herrscht ständig Gedränge um ihn,
jeder will aus dem Herrn seinen Nutzen ziehen.

Ich mein´, wenn die Leute so einflussreich sind,
warum lösen sie selber nicht klug und geschwind
erst die kleinen Problemchen auf dieser Erde,
damit diese schön und gerechter wäre?


Oh nein, oh nein, sie nerven den Chef,
damit dieser ihre Entscheidungen treff´!
Und hat er sie endlich zum Glück gezwungen, 
ist ihnen allein der Erfolg gelungen!

Als Putzfrau denk ich mir längst meinen Teil:
Der Chef muss stets ran – und die schlafen derweil.
Nur die Putze dient einem ganz simplen Zweck:
Dreck ist überall – und der Dreck muss weg!
Zwar war ich als Putzfrau nie flink und beflissen,
ich kehrt´ untern Teppich

manch Dreck –ganz gerissen,
doch mein Chef hat mich niemals
hinausgeschmissen!
Er knurrte nur öfters und drohte manchmal,
ich wäre sein hoffnungslosester Fall!

Sein Donnerwetter ließ oft mich zerknirschen;
kaum wagt´ ich mich an ihn heranzupirschen,
um ihm kleine Wehwehchen unterzujubeln,
um ein bisschen zu betteln im täglichen Trubel,
um Kleinkram, um unnütze kleinliche Sachen,
um Störungen, die mir das Leben schwer machen.


Denn wahrer Erfolg kann uns nur gelingen,
falls wir uns dem Chef in Erinnerung zu bringen!
Das ist unseres ganzen Lebens Prinzip:
Sei flink und gerissen und frech wie ein Dieb!
Tue dich wichtig und biedere dich an!
Der Weg zum Erfolg ist dann halb schon getan.

Ja, ich hätt´s bitter nötig, ihm etwas zu schmeicheln,
ihm all meine Vorzüge vorzuheucheln,
doch mein Heucheln vergeht
vor dem Blick meines Herrn.
Ach, verflixt! Ich habe ihn trotzdem gern!


Er hat wohl einmal im Jahre verdient,
dass sein Personal auf ihn Rücksicht nimmt!
Statt sich bettelnd und anbiedernd um ihn zu schieben,
sollten einmal wir uns in Bescheidenheit üben!

Was hätte der Chef von dem eigenem Fest,
wenn sich keiner der Holzköpfe abwimmeln lässt?
Da verzieh ich mich lieber heimlich und leise –
und feiere zuhause auf meine Weise!
Ein Prost ganz allein mit dem besten Wein:
Mög´ der Herr stets gerecht und uns zugetan sein!
Möge er den Schlawinern und Liebedienern,
den Weibern, so schamlos und liederlich
und den feinen Herrn, so betrügerisch – verzeihen!

Wir protzen mit großen und wichtigen Dingen
und können uns doch niemals selbst bezwingen.
Sein Fest soll ihm selber am besten gefallen!
So mögen die Korken heut ohne mich knallen!
In Kürze denkt ohnehin keiner mehr klar:
„Also Tschüss! Frohes Fest! Bis zum Neuen Jahr!“

Ich klopfte zum Abschied geschwind auf die Tische,
trat vermummt hinaus in die tobende Frische,
gut verhüllt und den Schal um die Ohren gedreht.
Ganz bestimmt wär die Landstraße zugeweht.
In der Stadt tanzt der Schnee im Laternenschein,
doch der Weg übers Land wird mir dunkel sein.
Andrerseits fordert des Winters Gebraus –
mich schon immer starrsinnig zum Kampf heraus –
und schließlich – es war ja schon vierter Advent! –
wär uns sogar weiße Weihnacht vergönnt!


Also schnappt´ ich mein Fahrrad
und sorgte mich nicht,
bald säß´ ich daheim im behaglichen Licht.
Drei Dörfchen weiter ist mein Zuhaus;
selbst wenn ich laufen müsst´,
macht mir´s nichts aus.

Mit dickem Mantel und Stiefeln so dicht,
hart gepanzert mit körniger Eisesschicht,
können mich Flocken und Stürme nicht schrecken,
wenn mir warme Gedanken im Herzen stecken.

Im Gegenteil, ich genieß, wenn es wettert,
wenn der Sturm mir toll um die Ohren brettert,
dann ziehe ich halt die Kapuze hoch,
lass für Augen und Nas´ nur ein kleines Loch.
Auch schützen mich Handschuh
und wollene Mütze,
so dass ich im dicken Anzug fast schwitze.


Wer aufbricht mit Kraft und zur rechten Zeit,
dem wird der schwierigste Weg nicht zu weit.
Wann sonst könnt ich mich lebendiger fühlen,
als wenn alle Wetter mir höllisch mitspielen?

Es stapfen die Füße fest durch die Wehen,
kein einziges Auto ist noch zu sehen.
Solch Weihnachtswetter, so kalt und gediegen,
ist mir in Wahrheit ein selt´nes Vergnügen!
Der halbe Weg ist beinah schon geschafft;
rundum bin ich glücklich vor lauter Kraft,
wie grimmig der Sturm auch die Eiskörner blase –
doch leider läuft mir ganz übel die Nase!


Also Handschuh aus – und hinein in die Tasche,
damit ich mein Taschentuch drinnen erhasche –
doch was erfühlen die klammen Finger?
Ein, zwei seltsam geformte lebendige Dinger.

Ich zucke zurück, erschrecke und stutz!
Wer hat? – und wofür? – meinen Mantel benutzt?
Wer hat mir etwas in die Tasche gesteckt?
Mit zappligen Sachen mich gründlich erschreckt?
Was ist das? Ich kann es kein bisschen erfühlen.
Behutsam will ich in die Tasche schielen.


Das Objekt zu erkennen, gelingt mir nicht,
nur glitschig ist´s, nass und verwunderlich –
und wie ich das Ding aus der Tasche fisch,
ist´s ein Fisch.
Mit zwei Köpfen. Lebendig und frisch.

Um Himmels Willen! Wer wird sich´s wagen,
solch Fischlein durch´s eisigste Wetter zu tragen?
Sterben muss es in meiner Tasche!
Meine Wärme und Fürsorge braucht es nicht.
Es kann nur überleben, lass ich es entwischen
ins Wasser, damit´s ihn belebt und erfrischt!


Doch wo find ich Bächlein, Tümpel und Teich
in des Winters starrem, verwunschenem Reich?
Was soll ich bloß tun mit dem kleinen Tier?
Halt ich´s fest? Lass ich´s los? Immer stirbt es mir.

Hier gibt´s keinen See, keinen offenen Fluss!
Was tun, dass mein Fischlein nicht sterben muss?
Jedes offene Wasser liegt viel zu weit
und sein Leben ist nur eine Frage der Zeit.
Selbst wenn ich ihn hätscheln und streicheln könnt´,
ein Fisch gehört einzig in sein Element.
Ach, alles andere wär ihm der Tod!
Schon in meiner Tasche erleidet er Not!

Oder, ab in den Schnee? Es sähe ja keiner!
Ich öffnet´ die Hand – das Problem wär gelöst.
Wer immer ihn mir in die Tasche steckte,
kaum denkbar, dass er auf die Mumie stößt.
Und wenn schon!
Dann wär´s aus Versehen passiert!
Verzeihlich, wenn man solch Geschöpf ruiniert.
Ruckzuck – hätt´ das Ding ich vom Hals mir geschafft.
Wer fordert für dieses Tier Rechenschaft?

Doch wie hat der zarte verletzliche Fisch
den weiten Weg übers Land geschafft?
In meiner Tasche, so trocken und eng?
In der Eiseskälte so beißend und streng?
Das kann nicht mit rechten Dingen zugehen.
Nein, den Fisch zu missachten –
wär kein Versehen!
Was ich immer im Leben zu tragen hab,
ich sollte bedenken, wer es mir gab.

Ich schiebe mein Fahrrad mit einer Hand,
bewahr´ in der anderen das winzige Tier,
stemm im Schnee-Inferno mich über das Land,
drauf achtend, dass ich nicht den Weg verlier.
Stockduster ist es, der Sturmwind faucht.
Die Straße scheint mir wie in Suppe getaucht!
Eine hässliche Suppe aus Kälte und Schnee!
Gott hilf, dass ich hier nicht zugrunde geh!

Ich taumle und rutsche, der Arm wird schwer,
es knüppelt der Schneesturm mich mehr und mehr.
Es ächzen die Bäume ganz schauerlich
und der körnige Neuschnee verharrscht im Gesicht.
Mein Rad rutscht mir weg, ich rutsche ihm nach.
Verzeih, liebes Fischlein, ich gab nicht gut Acht!
Wie bin ich so täppisch und ungeschickt!
Verzeih, kleiner Fisch, fast hätt ich dich erdrückt!


Schließlich trete ich wütend
mein Rad in den Graben –
wer den Drahtesel haben will, der soll ihn haben!
Die Tasche am Lenker? Ich pfeife darauf –
allein meinen Schlüsselbund hebe ich auf.
Was nützt mir am Ende das bisschen Plunder?
Kleiner Fisch, bleib am Leben!
Du bist das Wunder!


Mit einer Hand kann ich
das Fischlein nicht schützen,
alle Kräfte muss ich –
und den Atem – nützen.

Muss ihn warmhauchen, hüten und weiterschauen,
muss ihm Tropfen für Tropfen
vom Schnee auftauen.
Also berg´ ich ihn sorgsam mit bloßen Händen
und zerdrück etwas Schnee,
dass sie Wasser fänden,
dieses Fisches zwei Köpfchen, so wundersam,
der wer weiß wie – in meine Tasche kam.

Das Eis um die Hände bereitet mir Pein;
bös dringt mir der Frost in die Nägel ein;
vor Schmerzen drückt mir´s die Tränen heraus,
doch ich hab keine Hand frei, halt es kaum aus;
der heulende Eissturm wird mir zur Qual,
doch ich muss es schaffen, mir bleibt keine Wahl.


Einmal frei, kann solch Fischlein
ich nie mehr verstecken –
und bewahre ich´s nicht,
muss es elend verrecken!

Wie lang können´s
die klammrigen Finger noch fassen?
Wohin könnt´ ich das Fischlein
entschlüpfen lassen?
Ich besitz es nun mal und weiß nicht woher,
doch wenn es sterben müsst´, käm mir das schwer.


Immer wieder steck´ ich in den Schneewehen fest,
und ich fürcht´,
dass mein Fischlein sein Leben lässt.
Erstarrt und erdrückt – heißt beides ‚gestorben‘.
Mein Fisch wird durch Kälte
und Wärme verdorben.
Es blieb dieser Winzling einzig am Leben,
wenn mir´s zügig gelänge, ihn weiterzugeben.

Zum Glück ist das nächste Dörfchen nicht weit,
doch wie ausgestorben um diese Zeit.
Erste Lichter kann ich wie Schemen erfassen;
beinah scheint mir, der Sturm hätte nachgelassen.

Ich könnte jetzt klingeln am erstbestem Haus,
ein satter Bewohner  trät´ mürrisch heraus;
ich gäb ihm das Fischlein und wär drüber froh –
doch gleich müsst´ ich fürchten, er spült´ es ins Klo.
Oder würf´ es der Katze hin, gäb es dem Hund!
Stopfte es in ein Einmachglas, winzig und rund.


Der Fisch müsst´ sich endlos im Kreise winden,
würd´ nie mehr vorm Tod seine Freiheit finden.
Zwischen Chlorwasser, Heizung
und Krümeln vom Brot
Würd´ er hinsiechen, leiden und bald wär er tot.

Vielleicht würd´s ihm dann sogar besser ergehen,
als womöglich als ‚Schmuck‘ auf der Glotze zu stehen,
als ‚moderne Kunst‘ gewerblich verschandelt:
„Schaut her, um welch putziges
Fischlein sich´s handelt!“

Paar Tage lang würd´ der Fisch angestarrt,
nur so lang, bis den Menschen was Neues narrt,
bis der nächste Knüller ihn mehr interessiert
und er an dem Fischlein die Freude verliert.


Nein! Wer den Fisch haben will,
muss ihn auch schätzen!
Darf ihn nicht verspotten, verachten, verletzen!
Niemand soll mit dem Fisch seine Späße treiben!
Wer des Fisches sich annimmt, dem soll er bleiben.


Ich möchte dem erst in die Augen schauen,
dem ich wagte, mein Fischlein auch anzuvertrauen.
Aber kann ich mir´s aussuchen? Hab ich die Wahl?
Folgt dem Missgeschick eine noch größere Qual?

Welches Haus soll ich wählen? Dies oder das?
Verspricht die Fassade genügend Verlass?
Ein gepflegtes Haus muss durchaus nicht bedeuten,
dass es bewohnt wird von liebreichen Leuten.
Wären kalt sie im Herzen, berechnend und träge,
wär solch kleiner Fisch ihnen bald schon im Wege.
Vergehen würd´ er in solch vornehmer Gruft.
Nein, ich muss jemand finden, der laut danach ruft.

Wie ein weißes Gespenst schleiche ich durch den Ort.
Im Nu weht der Wind meine Spuren fort.
Eine menschliche Siedlung in Grabesruh.
Es trügt die Idylle. Man sperrt sich zu.
Beinah jedes Gebäude sieht finster aus.
Durch die Rolläden dringt nirgends Licht hinaus.
Wer sich derart verkapselt, dem traue ich nicht,
lieber will ich erfrieren mitsamt meinem Fisch.


Es ist zu viel Hochmut und Geld untern Leuten.
Was sollt´ diese Abschottung sonst bedeuten?
Nur die Hofhunde bellen gefährlich scharf.
Weil keiner des anderen Hilfe bedarf?
Wie sollte der freundlich und herzlich was geben,
der nie um was betteln musste im Leben?
Und wär´s gleich nur Wasser für meinen Fisch?
Nein, unnütze Dinge schätzen die nicht.

Am Kirchhof vorbei. Oh, die Kirche ist hell!
Ein Lichtblick – doch den vergess ich ganz schnell.
Selbst die Kirche rettet den Fisch nicht mehr,
denn wo käm in der Kirche das Wasser her?
Die nehmen´s noch ernst mit dem Singen und Beten.
Wie wagt´ ich es, denen zu nahe zu treten?
Die würde mein mickriges Fischlein nur stören.
Sehr fraglich, ob die mir behilflich wären:


„Nimm ihn du!“ „Nein du!“
„Wieso ich? Nein, ich nicht!“
Wie Sauerbier pries man den niedlichen Fisch,
um ihn dann doch nicht mit heim zu nehmen,
weil hundert Bedenken dazwischen kämen.

Drei Straßenlaternen seh ich noch vor mir,
dann tret ich hinaus in des Todes Revier.
Noch fünf Kilometer – das schaffen wir nicht.
Ich schaffte es schon, aber niemals mein Fisch.


Ich bin meinem Kleinod ein lausiger Wächter!
Da höre ich Stimmen, Gequieke, Gelächter.
Die dörfliche Jugend ist fröhlich am Werk
und tobt voller Spaß auf dem Schlittenberg.
Na danke. Was ließ sich von denen erhoffen?
Rotzfrech, stinkefaul und des öftern besoffen?

Mir wird´s doch schon schlecht, ich muss es gestehen,
wenn sie qualmend direkt vor der Schule stehen.
Die Haare geschoren, in pechschwarzen Sachen,
mit Sprüchen, die mir die Ohren rot machen!
Grässlich die Musik! Laut und schauderhaft!
Angebend mit Frechheit und Körperkraft!


Doch ich muss es wagen, mir bleibt keine Wahl –
versuchen will ich´s auf jeden Fall.
Ich vertrau denen, die sie in Wirklichkeit sind:
In der irren Kluft steckt ein suchendes Kind.


Ein paar Schritte hinunter! Huch, ist das glatt –
und gefährlich, wenn man keine Hand frei hat!
Zögernd tret ich dazwischen, rufe und frage,
ob ein Kind diesen Fisch zu erhalten sich wage.
Ob eins von den Kindern ´nen Tümpel wüsst,
der noch offen und nicht ganz zerfroren ist.
Nicht leicht, der johlenden, lärmenden Schar
zu erklären, was mein dringliches Anliegen war:

„Vielleicht hat die Kälte das Fischlein gelähmt,
so ist es zum Glücke mir noch nicht erstickt.
Doch erst, wenn ihr es ins Wasser bekämt,
wäre mir seine Rettung vielleicht geglückt.“

Unter der rötlichen Straßenlaterne
beurteilten sie meinen schlüpfrigen Fund –
und trotz meiner engen Manteltasche,
trotz Eis und Sturm – schien das Tierchen gesund.
Erst jetzt, im vom Schnee zerwirbelten Licht
kriegt ich das Fischlein selbst zu Gesicht.

Nein, dieses war kein gewöhnliches Tier!
Beinah durchsichtig gläsern erschien es mir.
Mit zahllosen Farbpünktchen, sehr filigran,
zog es magisch der Umstehenden Blicke an.


Ein goldener Streifen lief rings um den Fisch,
fast, als säh´ man ihn ohne solch Umriss nicht.
An dieser im Innern verlaufenden Schnur
erkannte man einzig seine Kontur.
Dabei war er griffig und gar nicht sehr glatt.
Leicht fassbar – falls man klamme Finger hat.

Welche Spezies er war,
konnt´ ich wirklich nicht sagen.
Was hab ich da bloß in der Tasche getragen?
Auf keinen Fall war´s jene Missgeburt,
mit der alles Fremde man gerne abtut.
Was war das nur für eine seltsame Art,
gleichwohl stark wie sensibel, sanft und doch hart?

Die zwei Köpfchen, die ich so deutlich gefühlt,
hatten mir wohl einen Streich gespielt,
denn vor meinen Augen verwandelte sich
diese Dopplung in einen ganz richtigen Fisch.
Als würde, wenn man´s nur richtig beschaut,
alles Unerklärliche sicher und traut.


Und trotzdem verwirrte mich etwas so sehr:
Mir schien, ich kannt´ den Fisch irgendwoher.
Gelbliche Haut mit farbigen Flecken?
Einmalig! Großartig! Recht zum Erschrecken!

Ach, ich erschrak wie noch niemals im Leben!
Diese Haut! Der Zigeuner!
Sollt´s wirklich ihn geben?
Dies Phantom, das richtend über mir stand?
Welches schaudernd ich als unsern Gott erkannt?
Setzt er sich selbst diesem Wetter aus?
Opfert er sich in des Sturmes Gebraus,
um mir beschützend und nahe zu sein?
Als kaum zu bewahrendes Fischlein so klein?
Gibt er sich selber in meine Hand?
Mir altem Schussel? Welch Unverstand!


Er weiß doch, wie sich mein Leben gefügt:
Ich hab bisher alles kaputtgekriegt!
Er weiß, dass zu allem ich fähig bin –
und mir zu vertrauen, hätt´ wenig Sinn!
Er hat sich verwandelt! Erscheint als ein Fisch!
Deswegen erfror und zerquetschte er nicht!


Und trotzdem würd´ mir´s ein Leichtes sein,
ich schleuderte ihn in den Schnee hinein!
Damit brächte ich ihn ganz wahrscheinlich in Not.
Doch wer würde so umspringen mit seinem Gott?


Ihn behalten! Das wär es! Für alle Zeit!
Ich würd´ ihn vergöttern in Ewigkeit!
Für den Rest meiner Tage würd´ ich ihn bewahren!
Er würde von mir nur Gutes erfahren!
Ich würde ihn hätscheln, verwöhnen, besitzen!
Allein, dass er da wäre, würde mir nützen!


Endlich hätte ich das, was ich immer gewollt´:
Mein persönlicher Gott, der mich schützen sollt´
Mir würde es nie wieder schlecht ergehen,
dürft´ das göttliche Fischlein ich vor mir sehen!

Ich besorgt´ mir ein Krüglein,
würd´s teuer bezahlen,
trüg´ ihn zu mir aus des Schneesturmes Qualen.
Mir wär dazu nicht mal ein Taxi zu teuer!
Der Nutzen für mich wäre ungeheuer!
Ich wäre die Größte! Müsst´ mich nur trauen!
Ein ganz tolles Becken ließ ich ihm bauen!
Beheizbar. Das Wasser auf´s Reinste gefiltert.
Mit Pflanzen bestückt und bestens beschildert.
Hell beleuchtet, um immer ihn anzublicken!
Strahlend thront´ ich am Rande voller Entzücken!

Feinstes Futter bekäm er und Sauerstoffduschen!
Auch paar andere Fische, die flink um ihn huschen –
zur Kurzweil! Für nette Geselligkeiten!
Ich würd´ es dem Fischlein behaglich bereiten
in seinem erlesenem Luxusbassin!
Ich verspräche, dem Fisch würd´ es nicht zu eng!
Auf dem Beckenrand kniete das Publikum,
denn viele wünschten sich, Gott zu sehen!
Und ach, das wäre nun wirklich dumm,
ihn anderen Menschen nicht zuzugestehen!

Doch ich hätte ihn nach Hause getragen!
Mir ward er gegeben, mir ganz allein!
Und wer zu ihm beten wollt´,
müsst mich erst fragen!
Doch ich würde garantiert großzügig sein.
Die Kosten für´s Becken? Die fielen wohl ab.
Ich würde kassieren und nicht zu knapp.
Ich rettete doch jenen Fisch in der Not –
also würd´ jeder schlussfolgern: Ich bin der Gott!


Ich würd´ in des Gottes Besitz gelangen!
Meine Last würd´ zur Lust!
Mein Geschenk wär gefangen!
Nur das Fischlein träf mein Besitzdenken schwer
und ich fühlte, dass dieser Plan teuflisch wär.

Oh nein. Mich muss auch noch Gott verlassen!
Er kommt als ein Fischlein, um Fuß zu fassen
unter denen, die seiner Kraft wirklich bedürfen.
Ich schaff´s schon alleine, nach Hause zu schlurfen.
Wollt´ ich ihn behalten um meine Interessen,
könnt´ ich diese himmlische Gabe vergessen.
In den eignen vier Wänden würd´ er mir sterben
und sein Tod bei mir – würd´ mich wirklich verderben!

Nein, es muss mir die Rettung des Fischleins gelingen!
Nimmt mich keiner ernst? Mein Tod wird sie zwingen
Ich lege mich nieder und steh nicht mehr auf.
Schnee deckt mich zu und ich pfeife darauf,
ob sich so was gehört oder nicht gehört.
Hauptsache – die Menschen sind erst mal verstört.


Ich weig´re mich solang, mir helfen zu lassen,
bevor´s nicht dem Fisch gelingt, Fuß zu fassen!
Erpressung? Nötigung? Ärger zuhauf?
Für den göttlichen Fisch nähm ich alles auf!


Als ob ich noch viel zu verlieren hätt!
Dieser Fisch gehört in ´nes Flusses Bett!
In ´nen offenen Teich, in ein Bächlein so wild!
An den Grund einer Quelle, die sprudelt und quillt!
In ein menschliches Herz, das fühlt und leidet,
in ein Haus, in dem man sich selbst bescheidet,
um noch anderen Liebe und Halt zu geben.
Nur im Wasser der Liebe kann dieser Fisch leben.

Warum kommt er zu uns als unscheinbarer Zwerg?
Kommt zum Ende der Welt? Zu ´nem Schlittenberg?
Er gehört doch den Leuten, die dafür bezahlen!
Er gehört in die Kirchen und Kathedralen!
Er gehört zur Kultur und ins Stadtparlament,
wo man fromm sich und fein –
damit schmücken könnt´!

Er gehört´ klugen Leuten, gehört´ ins Gericht –
doch den übelst Missratenen gehört er nicht.
Doch warum ist er bei mir, geduldig und still?
Doch nicht etwa, dass ich ihn mit Leben erfüll´?

Es pöbelt die Jugend, kein bisschen verlegen:
„Eh, Alte! Sollst besser ins Nest dich legen!“
„Dein Mist kann uns wirklich gestohlen bleiben!“
„Dein halb totes Vieh kannst du gleich abschreiben!“
„Du verschacherst ihn, dass er bei uns verreckt!“
„Uns beschummeln,
was hättest du sonst bezweckt?“
„Denk bloß nicht, dass man uns so leicht betrüge!„“
„Dein dummes Gelaber ist doch nur Lüge!“
„Als ob man euch Alten noch trauen könnt´!“
„Nur alt seid ihr, schlaff seid ihr!
Träg und verpennt!“


„Ihr Alten wollt euch auf den Lorbeeren ausruhen,
doch den Fisch soll die Jugend ins Wasser tun!“
„Würdest du dich grad so eifrig beeilen,
deine sämtliche Knete an uns zu verteilen?“
„Na, Alte, wie wär´s? Die behältst du ganz schön!“
„Nur sinnloses Zeug willst du anderen andrehen.“

Zu normaler Zeit hätt´ ich mich aufgeregt –
und mich bös mit den Lausejungs angelegt!
Doch ich sorgte mich nur um den kleinen Fisch,
und kräftig losschimpfen konnte ich nicht.
Es ist dieser Jugend nicht beizukommen!
Sie haben die Staffel nach uns übernommen
und müssen ernüchtert mit dem vorliebnehmen,
wofür wir uns eigentlich selber schämen.

Jetzt tun wir empört, erschreckt und verstört!
Für solch Frechheit hätt´ jedem
der Frack voll gehört!
Doch wie es uns auch in den Fingern juckt:
Es ist diese Jugend unser Produkt!

Ja, Kinder, die Welt hat euch nichts zu geben,
als nach unseren, den falschen Werten zu streben!
Unser Leiden vermög euch kein Leid zu ersparen.
Ihr müsst alles selber von Grund auf erfahren.
Eure schöne Welt strauchelt, bröckelt und bricht –
hinterhältig und leis, so beachtet man´s nicht.
In der Wohlstandsgesellschaft, sicher und fein,
müsste eigentlich jeder Mensch glücklich sein.

Doch Unruhe nagt an uns, peinigt und schwelt,
weil fast jeder sich zu den Verlierern zählt.
Und bevor ihr den Schritt ins Leben getan,
sieht man euch jungem Volk
den ‚Verlierer‘ schon an.
Uns hat man noch Fügsamkeit eingebleut,
ihr torkelt entgegen der freiesten Zeit!
Nichts enthält man euch vor
und nichts engt euch ein,
doch am Ende dürftet ihr haltlos sein.
Schöne Jugend! Wie frisch und beneidenswert!
Arme Jugend. Wie herzlos man mit euch verfährt

Erziehung will euch den Weg nicht zeigen.
Wer gut sein will, mach sich das selbst zu eigen.
Nur Selbstbehaupter erschafft sich dies Land
voller Härte, Stärke und kaltem Verstand.
Große Taten mögen euch lebenswert scheinen,
doch die Arglist des Lebens verbirgt sich im Kleinen.


Mög euch Großes gelingen – und nicht gelingen:
Am schwersten lässt sich
aller Kleinkram bezwingen.
Der Alltag beschert uns das Waterloo!

Er lässt uns verzweifeln, macht müde und roh!

Man will nicht leiden, kann kaum noch genießen
und möcht´ um Lappalien die Welt abschießen.
Um großes Unglück regt jeder sich auf!
Der Anderen Beistand wär jedem gewiss.
Doch Kleines verursacht den Amoklauf!
Weil im Kleinen ein jeder alleine ist.


Liegt die Tücke des Lebens doch ganz allein –
im Vergeben und Dienen und im Verzeihen.
Wer dies nicht gelernt hat von Kindheit an,
der ist wahrlich im Leben ganz armselig dran.

Etwas Neugier erkenn ich in jedem Gesicht,
doch von Neugier allein überlebt der Fisch nicht.
Schon wenden die ersten sich spöttisch ab;
ich hör dumme Worte – und nicht zu knapp:
Ob ich noch ganz richtig im Kopfe wär?
Und – wo käme ich Nikolaus eigentlich her?
Ich träte hier auf wie der heilige Geist,
aber wär eine Hex´, die die Leute bescheisst

Nein, ihr Blödeln war gar nicht höflich und zahm,
doch Geduld, junges Volk –
einmal packt euch die Scham!
Frömmigkeit wird uns nicht in die Wiege gelegt,
weil dem Frommen sich nie das Gewissen regt.

Nein, wir brauchen die kleinen und größeren Sünden,
um am Ende Vergebung durch Gott zu finden.
Jedem einzelnem Kind würd´ ich trotzdem vertrauen,
wöllte es meinem Fisch ein Aquarium bauen.
Aber derart erfroren und klamm wie ich bin,
hätt´ Disput mit der Jugend jetzt gar keinen Sinn.
Was erwarten sie schon von dem winzigen Ding?
Es erweist sich das Tierchen als viel zu gering.

Wie könnt´ ich jetzt reden, erklären und streiten?
Es nützt nichts – ich muss zum Finale schreiten.
Erfrieren soll ja ‚todsicher‘ sein.
Man legt sich, wird müde und schläft rasch ein.
Morgen wird man mich finden, zu Eis erstarrt,
in den Händen ein Fischlein, lebendig und zart.

Denn solang ich ihn lieb hab, kann er nicht erfrieren –
und um ihn will ich gerne mein Leben verlieren.
Zurück auf die Straße – und Abschied genommen!
Zwei Laternen noch, dann ist vollendet mein Gang.
Und ich bitt, ER mög selber zum Wasser kommen,
weil nicht einmal mein letzter Versuch mir gelang:


„Geh endlich! Bitte! Du musst mich verlassen!
Versuche doch wenigstens, Fuß zu fassen
unter denen, die dich grad zu sehen gekriegt´!
Nur um sie hat mein Herr
mich durch´s Eis geschickt!
Du, Fisch – bist von Ihm – und er steckt in Dir!
Ich hab nur die Pflicht, dass ich dich nicht verlier.“

Ich quäl mich den rutschigen Hügel hinauf,
fast erfroren die Hände –
doch mich hält keiner auf.
Ich flüstre und hauche ihm Wärme ein,
doch wird alle Müh nicht vergebens sein?
Immer kürzer und langsamer werden die Schritte.
„Geh fort, dass du bei uns bleibst! Bitte, bitte!

Das Tier zappelt kräftig, es zuckt und flutscht,
und fast wär es mir aus der Hand gerutscht.
Glitt´s hinab auf den eisigen Straßenbelag,
hätt´ das Kleinod ich nicht mehr zu greifen gewagt,
denn dort, wo der Sturm den Schnee weggefegt,
wär das Fischlein im Augenblick festgeklebt.
Seine zarte Haut würde sofort zerreißen,
versucht´ ich ihn vorsichtig loszueisen
aus der strengen, unbarmherzigen Kälte,
die das zarte Geschöpfchen zerstören wöllte

Je mehr ich dran rupfen und zerren würde,
um solch kostbaren Schatz mir selbst zu bewahren,
desto gnadenloser würd´ seine Bürde,
desto schlimmeren Schmerz müsste er erfahren.
Was ich mir retten wollt´, gäb ihm den Rest:
Am Eis meines Herzens klebte er fest.
Ob aus Unachtsamkeit oder Niedertracht,
ich hätte den Fisch mir kaputt gemacht!

Würden mir gleich ein Dutzend Gründe einfallen,
dass ich eigentlich schuldlos an allem sei,
mein Fischlein allein müsste dafür bezahlen,
mein Höchstes gäb´ ich dem Verderben frei!
Ich könnt´s nicht mehr packen, drücken und pressen!
Zurück in die Tasche? Das könnt´ ich vergessen!
Mitnehmen nach Hause? Viel, viel zu weit!

Der Fisch muss ins Wasser in kürzester Zeit.

Ob mir´s graust oder nicht, ich muss es riskieren –
nur mein Tod kann das Fischlein ins Leben führen!
Heiße Tränen laufen mir über die Wange.
‚Und wenn er es nicht schafft?‘ – dachte ich bange.

Da keucht etwas etwas hinter mir, plappert und schwätzt!
Rumms – patsch –
hat sich wer auf den Hintern gesetzt!
Emsig wühlen sich Kinder durch zaunhohe Wehen, 
um mir eisgrauem Schneegespenst nachzugehen!
Jetzt wollen mich auch noch
die Kleinsten verspotten?
Sich wie Wolfsjunge bissig zusammenrotten
Da drängt sich von hinten ein Mützchen hervor
und ein kleiner Knirps schreit mir lautstark ins Ohr

„Hast du … haben Sie … noch den kleinen Fisch?
Ich nähm ihn schon gerne, doch trau mich nicht!
Ich hab kein Aquarium! Bloß einen Teich.
Aber niemals im Winter ist der ganz vereist,
denn der Teich wird aus einer Quelle gespeist!
Nie durft ich drauf schusseln und Schlittschuh fahren!
Mutti sagt, dieser Teich wäre voller Gefahren!
Bloß fürcht´ ich,
der Fisch wird im Wasser verschwinden  
und ich … und kein andrer wird ihn wieder finden.“

Ich hätte vor lauter Freude und Glück
den Kleinen am liebsten ans Herz gedrückt:
„Ach, kleiner Spatz! Darum sorge dich nicht!
Denn solang du ihn lieb hast, findet er dich!“

Der Rufer! Es ruft wer! Ganz dicht und nah!
Oh mein Gott! Oh mein Gott! Die Rettung ist da!
Frisches Wasser erwartet dich – klar und rein
und ein fröhliches Menschenkind ladet dich ein!
So gehe und lebe – und bitte verzeih,
wenn dein Hüter dir nicht immer nützlich sei

So gab ich dem Kleinen den Fisch in die Hand
mit dem Wasser, das in meiner Handfläche stand.
Als hätten die wenigen Tröpfchen genügt
und der Fisch hätt´ sich auch mit dem Willen begnügt,
ihn bewusst und gewollt nicht sterben zu lassen.
Dem Kind gelang´s blitzschnell,
das Fischlein zu fassen,
und eh ich mich versah, war das Kind nicht mehr da.


Ich konnt´ ihm nur schnell meine Wünsche mitgeben:
„Lauf wie der Wind! Renn wie um dein Leben!
Beschütz ihn! Bewahr ihn! Und halte ihn fest!
Und achte, dass er dich nie mehr verlässt°


Und der Sausewind schlittert und trampelt und rennt
und trägt sich dies Fischlein in sein Element –
und all seine Kumpels, so wild und klitz´klein,
stürmen wie dicke Schneemonster hinter ihm drein!
Keiner der Knirpse möcht´ es verpassen,
den goldenen Fisch in den Teich zu entlassen!
Wie sie quieken und rutschen, rasen und hecheln!
Bis es still wird um mich. Jetzt kann ich lächeln.


Nun konnte ich nur noch dem Kind vertrauen.
Vielmehr: seiner Mütze –
mehr konnt´ ich nicht schauen.
Ob dieser Dreikäsehoch fix genug wär,
das Fischlein zu retten in seinem Malheur?


Doch würde im Frühling das Eis zerfließen
und zartgrün die ersten Hälmchen sprießen,
werden alle Kinder am Weiher stehen,
um nach dem verzauberten Fisch zu sehen,
dem Wunderfischlein, robust und behende.
Ob er lebt´ oder nicht, er würd´ zur Legende.

Ein Fischlein im Teiche? Da schaut keiner hin?
Nun: Der doppelte Kopf trägt den Doppelsinn.
Selbst, wenn man solch Fischlein nie wieder fände:
Man denkt drüber nach,
dass den Sinn man verstände.

Einen Fisch in der Tasche! Das hab ich gern!
War´s womöglich ein Späßchen von meinem Herrn?
Es versteckte mein Herr mir solch Kostbarkeit,
um mich recht zu beglücken zur Weihnachtszeit
und dem Fischlein zu dienen, hat sehr mich erfreut!

Wem nur einmal solch Fischlein zur Seite stand,
der geht sicheren Fußes durch´s dunkelste Land.
Nicht ich hab dem Fischlein tatsächlich genützt:
Nein, es hat mich der Fisch
vor mir selber beschützt!


Ungläubig breitet sich Freude aus:
Einmal wuchs ich über mich selbst hinaus,
um zu retten den hilflosen, ärmlichen Fisch.
Warum ich ihm beistand? Ich weiß es nicht.
Fremd schien er, wertlos und missgestaltet,

völlig entbehrlich und schwer zu bewahren.
Wie der Glauben an Gott: Unlogisch, veraltet –
wenn ich nicht endlich aufbrech´,
um ihn zu erfahren!


Nie zuvor verstand ich den Fisch als Symbol.
Denn ich mocht´ keinen Fisch; wusste nie, was das soll.
Fünftausend knabberten an einem Fisch?
Würden satt davon und beschwerten sich nicht?
Fünftausend ist nichts! Dieser Fisch sättigt alle!
Nur wer sich ihm verweigert,
tappt leicht in die Falle.


Selbst wirft sich der Mensch ins Dunkle zurück,
sucht er nicht im Erkennen sein wahres Glück.
Hätt´ ich Fahrrad und Tasche
als Höchstes geschätzt –
und das arme Fischlein ins Eis gesetzt? … ?
Ohne den goldenen Fisch in der Hand
hätte ich nie meinen Gott erkannt!


Der Mensch braucht den Fisch, wenn´s ihm enge wird!
Wenn er blind und frierend dem Ende zu irrt!
Doch mir scheint, er rettet nur dann unser Leben,
sind wir auch bereit, ihm das unsere zu geben.
Unwirklich, schweigend und klein ist der Fisch,
doch er gibt uns die Order: Vervollkommne dich!
Das, was du erwartest von deinem Gott,
tu es selber dem kleinstem Geschöpf in der Not
.

Oh nein, ein Späßchen war´s wirklich nicht!
Erst, als er mir fast schon verloren war,
erkannt´ ich ihn wirklich: Er rettet mich!
Ohne Fisch wäre ich in höchster Gefahr!
Aus dem Nichtbegreifen erwächst uns ein Licht.
Gott lässt uns allein, doch verlässt uns nicht!
Mit uns selbst geht er durch alle dunklen Gründe,
vertrauend, dass selbst man zur Einsicht finde!


Wir sollen scheitern, wir müssen irren!
Ein doppelter Sinn wird stets uns verwirren.
Zerquetsch ich den Fisch, dass er fault oder stinkt?
Dass er spurenlos in den Boden sinkt?
Oder steh ich ihm bei? Rette ihn in der Not?
Schweren Herzens riskierend den eigenen Tod?


Beschönigen gilt nicht – und frommes Verstellen!
Ganz unverhofft wird unser Glöckchen schellen:
Nun zeig, was du drauf hast! Es geht um viel!
Die Schule des Lebens war nicht nur Spiel.
Sie war uns vieltausendfach ‚Unterricht‘.
Man prüfte uns, aber wir merkten es nicht.

Und wie wild und verzwickt,
wie irr und verrückt,
wie schlüpfrig und bös,
kaputt und nervös,
wie schmerzvoll und dumm,
wie schmutzig und krumm
mein Leben auch war –
diesen Fisch zu missachten,
war die größte Gefahr.


Erwärmt und beseligt stapfte ich heim –
und nun – frohe Weihnacht!
Nun möge es schneien! 

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