Der rote Tempel 2

ein phantastischer Rauhnachtsgrusel

Horror

Am Abend hatt´ ich endlich Zeit,
die Puppen gründlich anzuschauen.
Sie fassten sich so seltsam an,
und ich wollt kaum den Augen trauen,
als sich die Kleinere bewegte
und ihre Hand auf meine legte.

Ich bin ganz fürchterlich erschrocken:
Was habe ich mir heim gebracht? –
und beide, ohne nachzudenken,
zurück in ihren Schrank gekracht.
Mich packte wahrhaftig das Grauen.
Das musst´ ich erst einmal verdauen.´

Die nächsten Stunden ging ich nicht
an dem verschlossnen Schrank vorbei.
Verstört war ich wie nie zuvor,
jetzt war mir alles einerlei.

Ich nahm mir vor, die Horrorpuppen
gut abgesichert zu entsorgen.
Wer weiß, was sich darin verbirgt.
Ich werf sie weg und zwar gleich morgen.

Dann kam die Nacht, ich war allein.
Bleich schien der Mond zum Fenster rein.
Die Haare standen mir zu Berge.
Im Schranke wimmerten zwei Zwerge.

Unendlich leise, flehend, zag –
doch mir klang´s laut wie Donnerschlag.
Ich konnt es länger nicht ertragen,
hab forsch die Schranktür aufgeschlagen
und griff mit zitterigen Fingern
nach diesen geisterhaften Dingern.

Das kostete schon Überwindung,
die Wesen in die Hand zu nehmen.
Doch schmiegten sie sich hilflos an,
als ob sie gerne zu mir kämen.

Ich legte beide Geisterpuppen
dann auf ein weiches Sofakissen,
deckte sie zu mit einem Handtuch
und hab sie immer anschauen müssen.

Das war so neu, das war so fremd,
und dennoch alles so vertraut.
Als hätt´ vor vielen hundert Jahren
in einen Spiegel ich geschaut.

Sie lagen lange da wie tot
und gaben kaum ein Lebenszeichen, 
man musste schon genau hinschauen
auf diese kleinen Puppenleichen.

Was waren sie so gruselig: 
Sie waren nicht tot und nicht am Leben.
Als würde es für solche Wesen
noch eine Zwischenstufe geben.

Das Weibchen schien sehr schwach zu sein,
sie war verhärmt und dennoch zart.
Ihr Flickenkleid war abgetragen
und ihre Hände hornig, hart.

Und trotzdem war sie keine Frau
und auch ein Baby war sie nicht.
Sie war ein Puppen-Gegenstand
mit einem ´Fünfzig-Jahr´-Gesicht.

Das Männchen war ein feister Gnom, ‚
mit ziemlich großem Schädel.
Die ausgeprägten Tränensäcke
waren weder schön noch edel.

Am Kinn hatt´ er ein Muttermal,
und Haare sprossen überall.
Die Größe war so etwa gleich,
knapp dreißig Zentimeter,
Tatsächlich – Zwerge. Wichtelmänner.
So etwas kennt doch jeder.
Vom Märchen anno dazumal.
Doch leider war das hier real.

Ich hab sie lange angeschaut
und konnt´s doch keinem sagen,
welch Wahnwitz sich in dieser Nacht
bei mir hat zugetragen.

Was hat in dies verfluchte Zelt
mich eigentlich hineingelockt?
Womit hab ich das bloß verdient?
Was hab ich mir da eingebrockt?

Von Zeit zu Zeit erkannte ich
eine gar winzige Erregung,
ein Zucken mit dem Augenlid,
eine Idee von Handbewegung.

Doch haben sie nicht mehr gewimmert,
das fand ich schon sehr angenehm.
Vielleicht wird´s ihnen auf dem Sofa
gefallen und viel besser gehen.

Wenn sie schon leben, dachte ich,
da haben sie doch auch Gefühle.
Vielleicht gar Hunger oder Durst?
Denn der Bedürfnisse gibt’s viele.

Was gibt man einer toten Puppe?
Ich werde es mit Milch versuchen.
So patschte ich paar Tröpfchen Milch
zwischen die kleinen Lippengruben.

Sie hielten ihren Mund geschlossen,
vielleicht ist´s ihnen hier zu hell?
Ich muss das große Licht ausschalten
und hole eine Kerze schnell.

Das waren höchsten zehn Sekunden,
dann war ich sofort wieder da,
und war verblüfft, was ich da sah:
sämtliche Milch war schon verschwunden.

Ich sah genau in ihr Gesicht,
nun ja, verdunstet war die nicht.
Ich hab dann mit viel Geduld
das Füttern mehrfach wiederholt
und habe dann, fast schon am Morgen,
todmüde in mein Bett gewollt.

„Ihr kommt jetzt wieder in den Schrank!
Ich werd´ mich morgen um euch kümmern.“
Da ging´s schlagartig wieder los:
ein unendlich verzagtes Wimmern.

Jetzt hatt´ ich wirklich ein Problem!
Die Puppen fingen an zu leben.
Wie werde ich sie wieder los?
Es muss doch eine Lösung geben.

Das Beste wär, sie gleich zu töten!
Sonst geht noch meine Hochzeit flöten.
Ich habe alles ausprobiert,
hab in ein Körbchen sie getan,
in Taschen, Sessel, Sofaecken,
stets fingen sie zu wimmern an.

Zuletzt musst´ ich mich doch bequemen,
sie in mein eigenes Bett zu nehmen.
Geheuer war mir dabei nicht,
waren sie doch recht widerlich.

Ich leg sie runter zu den Füßen.
Das ist nicht mal so ungeschickt.
Zum Ersten werden sie nicht wimmern,
zum Zweiten sind sie früh erstickt.

Ich kann sie einfach nicht behalten!
Ein absolutes Mistgefühl,
wenn zwei Monsterpuppen hat
und demnächst Hochzeit feiern will.

Es sind die Puppen nicht erstickt.
Hab ich auch manchmal arg gedrückt,
Nicht aus Berechnung, ist doch klar.
Nein, einfach weil mir danach war.

Früh hab ich Windeln eingekauft,
denn wo was rein kommt, muss was raus.
Ich musst´ mich erst einmal befragen,
was man für ´Katzen´ halt so braucht.

Bei mir wären einfach über Nacht
zwei kleine Kätzchen aufgetaucht.
Doch als ich Puder, Creme, Lätzchen
und Schnuller in mein Körbchen packe,
da schaut die Kassendame komisch
und hinter mir, da flüstert´s: „Macke.“

Ich hab´ die Wesen stets versorgt,
sie können niemals sich beklagen.
Ich kann sie aber auch nicht lieben.
Hab sie nie auf dem Arm getragen.

Ich fass sie an mit spitzen Fingern,
mechanisch wie ein Automat.
Ich seh sie an wie einen Fehler,
den man nun auszubaden hat.

Ich habe sie noch nie gebadet
und wechsle ihre Wäsche nicht.
Hab ihnen auch noch nie geschadet.
Die Dinger sind wie tot für mich.

Ich sprech und singe nicht mit ihnen,
behandle sie wie Gegenstände.
Denn Babys sind sie nicht geworden,
sie haben noch die Greisenhände
und die Erwachsenengesichter.

Im Auge find ich keine Lichter.
In ihren Stimmen ist kein Schmelz,
auf  ihren Köpfen grauer Pelz.
Ich müsste herzen sie und küssen,
ich müsste vieles eigentlich,
ich müsste ihnen Mutter sein,
jedoch, oh Gott, ich kann es nicht.

Die nächsten Tage schienen endlos
und kamen einem Albtraum nah.
Konnt´ ich tagsüber ihn verdrängen,
des Abends war er wieder da.

Die Dinger wurden immer dreister,
die Milch schien ihnen zu bekommen.
Längst hatten sie mein halbes Bett
ganz frech in den Besitz genommen.

Das schlaf ich eben auf dem Sofa!
Kein Viertelstündchen ging das gut,
sofort fing ihr Gewimmer an,
und schon verließ mich aller Mut.
Bin wieder in mein Bett gekrochen.
Nun möge werden, was da will!
Sie kuschelten an meine Füße
und auf den Schlag war´s wieder still.

Wohin man sie auch immer legt,
auf  Füße sind sie nun geprägt.
Doch konnte ich nicht drüber lachen.
Was soll ich nach der Hochzeit machen?

Bisher hatt´ ich mit meinem Freund
sehr gern gekuschelt und geküsst.
Wir hatten große Lebenspläne,
doch alles nun verändert ist.

Wir wollten dieses Haus herrichten,
streichen vom Keller bis zum Dach,
und dann als Paar zusammen ziehen,
das fällt nun alles erst mal flach.

Darf nicht dran denken, was mein Freund
zu diesen Monstern sagen würde.
Ich muss nun immer sie verstecken,
und das ist eine große Hürde.

Wie soll ich´s bloß organisieren,
dass er niemals davon erfährt?
Ach, hätt´ ich sie doch besser gleich,
am allerersten Tag zerstört.

Das hält der doch im Kopf nicht aus,
was hier in meinem Haus passiert.
Und ausgerechnet noch im Bett,
was ihn am meisten interessiert.

Da kommt er schon und klingelt Sturm,
dann klopft er an die Scheiben:
„Wir gehen zu dir!“, ruf ich ihm zu,
„Ich kann auch ganz lang bleiben.
Minute noch! Ich komme raus!
Bin noch nicht angezogen.“

Ich hab ihn in den letzten Tagen
stets schamloser belogen.
Doch diesmal hat mein lieber Freund
den Braten wohl gerochen.
Bevor die Tür ich schließen konnte,
ist er hineingebrochen.
Nun stand er unsicher im Flur,
sah aufgeregt herum:

„Sag mal, was ist denn los mit dir?
Du hältst mich wohl für dumm?
Du wechselst deine Schlösser aus?
Hast kaum noch für mich Zeit?
Du hast wohl einen andern Kerl?
Dann sage mir Bescheid!

Noch kannst du machen, was du willst.
Ich will dich zu nichts zwingen.
Doch Hochzeit machen in vier Wochen?
Was sollte das denn bringen?“

„Nein Schatzi, nein – so ist es nicht.“
Ich sah ihm offen ins Gesicht:
„Ich habe keinen andern Mann.
Das hätt´ ich dir nie angetan.“

„Jetzt sage mir, was Sache ist!
Ich will es jetzt erfahren!“
Doch ich blieb stumm und konnte nicht
die Sache offenbaren.

Ich bot ihm einen Kaffee an,
wir saßen in der Küche.
Misstrauisch mustert er den Raum,
dass er etwas erwische,
nur irgend eine Kleinigkeit,
die mich so sehr von ihm entzweit.

Sein Blick bleibt hängen an dem Glas,
das zu verstecken ich vergaß,
mit kleinen Flaschensaugern drin.
Zuerst scheint er nichts zu begreifen,
doch immer wieder schaut er hin.

Bis  mühsam er die Worte find´t:
„Sag mal, du pflegst ein kleines Kind?“
Sag ich jetzt ´ja´– dann will er´s sehen.
„Quatsch!“, sage ich und lass ihn stehen.
„Komm endlich, wir wollen zu dir gehen.“

Er klinkt an meiner Kammertür:
„Die war noch niemals zugesperrt.
Was hat das alles zu bedeuten?
Was ist das, was da drinnen plärrt?“

„Du irrst dich. Niemand ist da drinnen.
Das ist doch bloß mein Wecker!“

„Und dieses fürchterliche Krächzen?
Ist das der Schornsteinfeger?“

„Liebling, nun komm und lass das sein.“
„Oh nein, ich gehe jetzt hier rein!“
Ist´s Eifersucht, so riesengroß?
Schon kracht sein Fuß gegen das Schloss,
die halbe Tür zersplittert,
das ganze Haus erzittert.
Mit Zornesröte im Gesicht
durchsucht er´s Zimmer, findet nichts.

Ich geh zur Seite. Mir ist klar,
jetzt ist er unberechenbar.
Ich kann jetzt sowieso nichts machen,
soll er die Puppen doch zerkrachen.

Der Raum ist leer, doch sein Gespür
führt ihn zum Bett: „Wie riecht´s denn hier?“
Von oben her ist nichts zu sagen,
da hat er´s Bett schon hochgeschlagen.
Und wie ein Kätzchen winzig klein,
kann wohl kein Schornsteinfeger sein.

Ich dränge ihn zurück zur Küche,
ganz unauffällig, fest, doch sacht.
Das hat natürlich ohne Zweifel
noch misstrauischer ihn gemacht.

Fast schaffe ich´s, doch wie zum Hohn
hört er jetzt wieder diesen Ton.
Jetzt weiß er auch, woher er kommt,
er reißt das Bett herunter prompt.
Jetzt hat er endlich was er will.
Und er wird still, unheimlich still.

Ich schleiche mich in seine Nähe,
als ob zum ersten Mal ich´s sehe.
Dort wuseln diese zwei Gestalten,
der Anblick ist nicht auszuhalten.

Winzige Greise, halb verfallend,
Grimassen schneidend, sinnlos lallend.
Mein Freund schaut es sich lange an.
Jetzt ist er ein gebrochner Mann.
Er hätte alles mir verziehen,
doch nicht das Höllennest da drin.

„Teuflisch.“, hört´ ich den Liebsten sagen,
dann hat er auf sie eingeschlagen.

Er riss die Puppen aus dem Nest,
schlug sie zusammen, grob und fest,
bis beide sich nicht mehr bewegten
und sich im Kleinsten nicht mehr regten.

„Ich dachte mal, du würdest mich lieben.
Nein, mit dem Teufel hast´s getrieben.
Und mit den Zwergen. Allen sieben?“

Ist ohne Abschied dann gegangen.
So hat mein Elend angefangen.
„Das war´s.“, hört´ ich als letztes Wort.
Und dann war er für immer fort.

Ich schlief dann ein am Küchentisch,
in´s  Bett, auf´s Sofa wollt´ ich nicht.
Ich hätt den Anblick nicht ertragen
der toten Puppen, die da lagen.
Ein bisschen fühlte ich mich frei:
Der Puppenhorror war vorbei.

Hab früh das Weibchen dann begraben,
bei der war gar nichts mehr zu machen,
das Männchen aber schien zu leben,
es hatte nur paar tiefe Schmarren.

Ich trug es in die Rumpelkammer
und setzte es auf die Kommode.
Soll´s dort verhungern und erfrieren,
Hauptsache, es kommt bald zu Tode.
Vorbei ist´s mit dem Puppenschmus.
Mit Puppen macht man keinen Ruß.

So brachte mir die Weihnachtszeit
nichts als Verlust und Einsamkeit.
Nur selten war ich noch im Haus,
hielt die Erinnerung nicht aus.

Die Episode mit den Puppen
war irgendwie vorbeigegangen.
Doch nach der Liebe meines Freundes
hatte ich mächtiges Verlangen.

Wir hatten uns so gut verstanden
und jetzt war er nicht mehr vorhanden.
Nun waren alle Pläne nichtig.
Und was war eigentlich noch wichtig?

Die Tiere starben in den Ställen.
Die Kälte war nicht vorzustellen.
Als wäre unsere ganze Welt
ein unendliches Eisesfeld.

Das ist ein seltsamer Prozess,
wenn einem graust vor´m eigenem Haus.
Dabei hat keiner mich vertrieben,
ich sperrte mich nur selber aus.
Hab überall mich eingeladen,
um Gründe war ich nicht verlegen,

„Bleib ein paar Tage“, sprach so mancher,
„´s ist Holz zu holen und Schnee zu fegen.
Die Kälte hältst du doch nicht aus,
so ganz allein in deinem Haus.“

Ich wußte wohl, dass Mitleid sie
zu ihren Einladungen trieb.
Wenigstens hatt´ mich die Familie
genau noch so wie früher lieb.
Doch lange konnt´ ich nirgends bleiben,
man darf´s als Gast nicht übertreiben.

weiter im Teil 3

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