Der rote Tempel 1

Ein phantastischer Rauhnachtsgrusel

Wecken zur Unzeit

Ich war in einem roten Tempel,
da war mein Leben drin begraben.
Aus diesem düstren Heiligtum
wollt´ gerne ich ein Kindlein haben.
Denn Kinder waren dort aufgereiht,
auf der Empore, Seit an Seit.
Dort ruhten sie und warteten
seit Tausenden von Erdenjahren.
Als würd ich sie, die Unglücklichen,
für ferne Zeiten aufbewahren.

Das waren alles meine Kinder,
ich hatte sie aus mir geboren,
ich hatte sie gezeugt, getragen
und immer vor der Zeit verloren.

Ich kam mit ihnen auf die Welt
und ging mit ihnen spurenlos.
Ich legte sie wie Puppen ab,
dann ging mein Weg von vorne los.

Ich wollte mir ein Kindlein holen,
doch diesmal sollt´s nicht wieder sterben.
Wenn eines nur lebendig bliebe, könnt´
so würd ich drum die Welt verderben.

Im warmen weichen Tempel schienen
die Außenwelt sie nicht zu missen.
Sie hungerten und froren nicht,
schienen von Leben nichts zu wissen.

Sie schauten geistlos in das Leere,
wie halb lebende Puppenkinder,
Greisengesichter waren dabei
und zarte Kinderlein nicht minder.

In jedem Püppchen fand ich mich
und wusste stets: Das war mal ich.
Das war ich einmal. Unvollendet.
Nie hat´s zum Guten sich gewendet.

War´s immer wieder, immer wieder.
Bin immer wieder aufgetaucht
und habe jedes meiner Leben
ganz unvollendet ausgehaucht.

Als wäre dieser Tempel gar
mein ewiges Totenreservoir.
Als wäre jedes meiner Leben
dort als ein Zwerglein deponiert.
Und ich hab jedes dieser Zwerglein
stets wieder in den Tod geführt.

Ich wollte mir ein Kindlein holen.
Die Tempelwächterin sagt: „Nein.
Musst selber erst zum Leben kommen,
und dafür musst du draußen sein.

Musst erst die Außenwelt bezwingen,
musst selber erst unsterblich werden,
dann weckest du von ganz alleine
deine gestorbenen Zwergenherden.

Mut´ nicht den kleinen Zwergleins zu,
noch einmal auf die Welt zu kommen.
Ein jedes hat schon zuviel Leid
in deinem Leben übernommen.“

Ich habe das wohl eingesehen,
noch weite Wege muss ich gehen.
Hier drinnen war auch alles klar,
ich wusste bestens, wer ich war.

Hatt ich doch immer, wenn ich starb,
mich selbst als Zwerg hierher geführt,
mich hingelegt auf der Empore,
und bin auf´s Neue losmarschiert.

Ich hab die ganze Welt durchwandert,
hab selbst die Sternenwelt durchpflügt,
und spürte doch, dass alles Wissen
zum Überleben nicht genügt.

Ich hab die Leben, die ich lebte,
viel tausend Jahre nicht gezählt.
Ein jedes Zwerglein hat als ´ich´
sich von Geburt zu Tod gequält.

Und kaum hatt´ ich den roten Tempel
zum neuen Aufbruch dann verlassen,
begann das Bild des heiligen Ortes
im Handumdrehen zu verblassen.

War ich dann wieder neu im Leben,
dann wusst´ ich nicht mehr, wer ich war.
Musst´ immer wieder neu beginnen
und wusst´ nichts von der Zwergenschar.

Doch einmal muss es mir gelingen,
mich selbst auch wirklich groß zu bringen.
Die Tempelwächterin räumt ein:
„Die Zeit wird auch mal besser sein.

Zeig nur ein wenig noch Geduld,
du kannst nichts mit Gewalt erzwingen.
Ganz sicher wird dir die Befreiung
sehr bald auf einen Schlag gelingen.

Du sollst dich von der Illusion,
ein Kind zu holen, besser trennen.
´s wär draußen dir nur Gegenstand,
du würdest es nicht mehr erkennen.“

„Oh doch, mir ist längst alles klar.
Wie oft ich auch gestorben war,
ich mach die Sache nicht mehr mit
und tu jetzt selber diesen Schritt.“

„Tu´s nicht! Ich sage dir: Tu´s nicht.
Das Kindlein stirbt, ich warne dich.“
Da tat ich so, als würd ich gehen,
und blieb ganz heimlich draußen stehen.

Kaum kehrt die Wächterin den Rücken,
kann ich ins Innere mich verdrücken.
Ich eil die Wendeltreppe hoch,
die rauf zu der Empore führt,
raff mir ein Zwerglein untern Mantel,
bedeck es gut, dass es nicht friert,
und weil ein Risiko dabei,
dann nehme ich mal lieber zwei.

Mit beiden Zwergen, gut verborgen,
hab ich den Tempel schnell verlassen,
um meine Zwerglein rasch und sicher
der kalten Erde anzupassen.

Es ist die Kälte unbeschreiblich.
Solch strengen Winter gab´s noch nie.
Die Häuser sind kaum noch zu heizen
und in den Ställen stirbt das Vieh.

Man flüchtet ratlos zu Bekannten,
wo´s noch ein warmes Zimmer gibt.
Wohl dem, der jetzt Familie hat,
gewärmt, gesättigt und geliebt.

Dem Schnee ist nicht mehr Herr zu werden,
und jeden Tag wird es noch mehr.
Versprengte Menschen irren hungernd
und blind vor Kälte nachts umher.

Man flüstert: „Habt ihr´s schon vernommen?
Die Wölfe sind zurückgekommen.“
Auch ich irr´ durch die dunkle Nacht,
hab mich mit meinem Freund verkracht.

Zu Hause hält mich gar nichts mehr,
die Räume, abgewohnt und leer,
schon unbeheizt seit vielen Wochen.
Die Leitungsrohre sind zerbrochen.

Ein Eiseskeller ohnegleichen.
Eissplitter durch die Ritzen streichen,
wo nur ein Löchlein offen steht,
ist drinnen alles schon verweht.

Ich will das Elend gar nicht sehen,
will nimmermehr nach Hause gehen.
Ich treibe mich bei Freunden rum
und klappre die Verwandschaft ab,
und denk in mancher trüben Stunde:
Läg ich doch selber schon im Grab.

Und dabei bin ich gar nicht alt,
hab vor der Hochzeit grad gestanden.
Das hat sich leider nun zerschlagen,
mein Liebster ist nicht mehr vorhanden.

Er ist gegangen nach dem Krach
an jenem schlimmen Nachmittag.
Dabei fing alles harmlos an,
so wie es meistens ist beim Streit.
Das Ende unserer Beziehung
begann mit einer Kleinigkeit.

Ich war zum Weihnachtsmarkt gelaufen,
ein paar Geschenke noch zu kaufen.
So schlenderte ich durch die Gassen,
da wird sich schon was finden lassen.

Es darf auch was Besonders sein.
Nichts ist zu teuer für mein Heim.
Ein graues unscheinbares Zelt,
das zog mich wahrhaft magisch an,

´s war zwar geschlossen, doch ich habe
schnell einen Blick hineingetan.
Ich habe nur an einer Seite
die Plane etwas weggezogen,
als müsst´ ich unbedingt da rein.
Weiß nicht, was mich dazu bewogen´.

Der Anblick hat mich umgehauen,
ich konnt´ kaum meinen Augen trauen.
Ein Anblick, ach so wunderschön,
so was hatt´ ich noch nie gesehen.

Ein großer, runder, weicher Raum,
von rötlich-braunen Ziegelfarben,
mit zarten gelben Wendeltreppen,
durchpulst von tausend Lichtergarben.

Der Boden sah wie Sirup aus,
tiefschwarz mit einem roten Schimmer,
von glatter, weicher Konsistenz.
Ach, etwas Schöneres sah ich nimmer.

Der Boden war nicht zu betreten,
schien wie ein weicher See aus Blut,
war abgesperrt mit goldenen Ketten,
als ob er dort schon ewig ruht.

Ringsum, auf einer Art Empore,
waren kleine Puppen aufgereiht.
Sie trugen niedliche Kostümchen,
aus urigster Vergangenheit.

Manch Püppchen schien mir sehr exotisch,
von ganz weit her, mal groß, mal klein – 
ich fand ganz unbekannte Rassen,
doch schienen alle Mensch zu sein.

Sie trugen keine Puppenkleider,
wie es für Puppen sonst ganz üblich. 
Sie trugen ihre Alltagskleidung,
reich oder schlicht, fesch oder lieblich.

Viel Kinderchen fand ich darunter,
oft in ein Tüchlein nur gehüllt,
sah viel verschiedene Uniformen,
und Roben runden ab das Bild.

Die meisten Puppen schienen schlicht –
waren Menschen fremder Kontinente.
Indianer, Neger, Asiaten –
rein alles ich hier finden könnte.

Manch Puppe war geschmückt mit Gold,
Pelzkleidung gab´s und Lendenschurz,
die Kräuterhexe wie die Nonne,
auch kam der Adel nicht zu kurz.

Dazwischen immer wieder Kinder,
Jungen wie Mädchen, groß und klein,
Säuglinge ach, und Neugeborene –
es mussten gar so viele sein.

Doch auch die ganz uralten Leute
waren hier in Reihen aufgestellt.
Noch nie sah ich so viele Greise
wie hier in dieser Puppenwelt.

Die Sache wurde mir umheimlich
und hat mich doch interessiert.
Hätt´ liebend gerne ein paar Püppchen
mir für mein neues Heim entführt.

Sie würden prächtig dahin passen,
als Blickfang über den Kamin.
Solch exquisite Puppen würden
sämtliche Blicke auf sich ziehen.

Die Puppen sind mir so vertraut,
als hätte ich sie selbst gemacht.
Das wär ein herrliches Geschenk
für meinen Freund zur Heiligen Nacht.

Ich schau, wo ein Verkäufer sei,
doch seh´ niemand. Ich bin allein. 
Wird dieser wahre Puppenschatz
am Ende ungesichert sein?

Der Boden ist die Sicherheit.
Man würde gleich darin versinken.
Die goldenen Ketten werden sicher
nicht ohne Grund am Rande blinken.

Sie sind ein ernstes Achtungszeichen:
Du darfst nicht an die Schätze ran.
Doch was ich in den Kopf mir setze,
das hab ich immer noch getan.

Ich hangle mich zur nächsten Treppe,
die Füße knapp zur Wand gestellt,
dort scheint mir, dass der weiche Boden,
am Rand gefestigt, etwas hält.

Zum Glück ist da die goldene Kette,
die letztlich mich gehalten hätte,
sonst wäre ich noch abgeruscht
und in den Blutsee reingeflutscht.

Ruckzuck, hinauf die Wendeltreppe,
und mir ein Püppchen mitgenommen,
so bin ich ohne große Suche
zu einem Top-Geschenk gekommen.

Na gut, ich habe es geklaut.
Doch hat mir keiner zugeschaut.
Und bin ich einmal schon dabei,
da nehme ich mal besser zwei.

Dumm, dass es hier so duster ist,
denn ob sie hübsch sind, sieht man nicht.
Ein Pärchen, kommt mir in den Sinn,
macht sich sehr gut über´m Kamin.

Rasch damit unter´n Anorak!
Betrachten werd´ ich sie daheim,
muss unbemerkt dies Zelt verlassen,
erst draußen kann ich sicher sein.

Noch soll es ein Geheimnis bleiben,
die Überraschung wird gelingen,
ich motz´ die Puppen bisschen auf
und werd auf Vordermann sie bringen.

Die Puppen sind schon ziemlich alt,
sind grau und krumm schon von Gestalt.
Die eine ist ein Weibelein,
die andere müsst´ ein Männchen sein.

Paar neue Sachen täten Not,
und auf den Wangen bisschen Rot.
Das ist doch alles kein Problem,
am Ende sind sie wunderschön.

Ich leg sie erst mal in den Schrank,
ganz hinten in die letzte Lade.
Fänd´ sie mein Freund vor´m Weihnachtsfest,
das wäre wirklich jammerschade.

weiter in Teil 2

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