Der rote Tempel 3

ein phantastischer Rauhnachtsgrusel

Heimkehr

Spät abends ging ich gern spazieren,
in kalter Nacht bei Mondenschein.
Da konnte ich so herrlich träumen
und endlich mal alleine sein.
Ich lieb´ dies Knirschen untern Füßen,
den festen, lilaweißen Schnee.
Haben die Füße was zu tun,
dann tut das Herz nur halb so weh.

Links von der Straße war ein Steinbruch,
ich kannte mich hier bestens aus,
wo ich grad Gastfreundschaft genoss´,
da war einmal mein Elternhaus.

Ich lief den schmalen Pfad hinüber,
sah doch bei Mondlicht endlos weit,
und wollt ein wenig dort verweilen,
gedenkend meiner Kinderzeit.

Schon stand ich vor dem kleinen See,
kreisrund und völlig eisbedeckt,
senkrecht ringsum die alten Brüche,
hinauf bis an den Wald gestreckt.

Hier waren wir als Kinder baden,
haben gezeltet manche Nacht,
hier hat als Kind mein großer Bruder
mir gar das Schwimmen beigebracht.
Hier haben Krebse wir gefangen
und sind, na klar – auf´s Eis gegangen.

Es ist solch See nicht ungefährlich,
und deshalb ist er abgesperrt,
manch furiosen Autofahrer
hat früher man hier rausgezerrt.

So brachte man an dieser Stelle
ein eisernes Geländer an,
weil man den kleinen See da unten
nicht ohne weiteres sehen kann.

Selbst an der kleinen Badestelle
war ein Geländer angebracht,
blieb doch der Steinbruch mit dem See
zu allen Zeiten unbewacht.

Hoch über´m Bruch waren Ferienhäuschen,
auch kleine Lauben, kleine Hütten;
von oben führten Treppchen runter,   
sonst wären vom See sie abgeschnitten.

Und majestätisch überm See,
im Mondlicht wunderbar zu sehen,
wächst ein gar junger Fichtenwald,
dazwischen alte Buchen stehen.

Die kahlen Buchen sind die Wächter
der kleinen Fichtenkinderschar,
der Kindchen, die sich krümmen müssen
und wieder strecken immerdar.

Ich schaue auf den See hinunter,
dort spiegelt sich der Mondenschein,
doch scheint mir, trotz der späten Stunde,
da bin ich gar nicht so allein.

Dort unten, schwebend fast, im Kreise,
dreht sich mein kleines Weibelein
und klagt mit jämmerlicher Stimme:
„Oh, öffne dich! Oh, lass mich rein!“

Ich hab die Sache wohl verstanden,
ihr Jammern dringt mir in die Ohren.
Sie wollt´ zurück in ihren Tempel,
doch ach, der war jetzt zugefroren.

Der blanke Boden, das Geländer,
die Treppen, die nach oben steigen
und ach, die kleinen Fichtenpüppchen,
die ihre Silhouette zeigen!

Und immer wieder dieser Tempel!
Und immer wieder Furcht und Schmerz!
Bis endlich ich begriffen habe:
Der rote Tempel ist mein Herz!

Doch wo ist´s kleine Männelein?
Das muss doch auch gestorben sein?
Auf einmal bin ich aufgewacht,
wie aus unendlich tiefer Nacht.

Jetzt wühlt der Schmerz in meinem Herz!
Wie mit dem Messer tief und wild!
Und deutlich seh ich jetzt vor Augen
ein wahrhaft grauenvolles Bild.
Das Männlein sitzt auf der Kommode
und friert seit Wochen sich zu Tode!

Das Weibchen starb durch meine Schuld,
doch muss es wenigstens nicht frieren.
Das arme Männlein aber muss
unendlich lang dahinkrepieren.

Ich rief laut in den See hinab:
„Geduld, mein kleines Weibelein!
Das ist hier alles meine Schuld!
Oh bitte, willst du mir verzeihen?“

Dann bin ich einfach losgerannt.
Wie heftig hat´s in mir gebrannt!
Ich hab mich noch in dieser Nacht
auf meinen Weg nach Haus gemacht.

Ließ mich zu meinem Dörfchen fahren,
zum Abzweig, wo mein Häuschen steht,
von dort aus ging es eh nicht weiter,
denn da war alles zugeweht.

Der Fahrer schüttelt mit dem Kopf:
„Das geht doch nicht, das ist verrückt!“
Er hätt´ mich wieder mitgenommen,
wie schnell passiert ein Missgeschick.
´ne junge Frau, so ganz allein
in bitterkalter Winternacht,
will in ein unbeheiztes Haus,
und nicht mal Bahne ist gemacht.

Ich strahl ihn an: „Oh doch, das geht.
Das geht sogar ganz wunderbar.
Ich werde sehnsuchtsvoll erwartet.
Nun gute Heimfahrt. Alles klar.“

„Da wartet wohl die Katze nur-
.Zum Haus geht keine einzige Spur.“

Er fuhr dann mit dem Wagen weg,
hielt weiter vorne wieder an,
meint wohl, ich würde Hilfe brauchen.
Bestimmt will er bloß eine rauchen.

Ich hab zum Haus mich durchgekämpft,
doch war mein Mut schon recht gedämpft.
Mit meiner Energie war´s aus.
Ich geh jetzt in ein Leichenhaus.

Ich werde erst den Schnee wegkehren,
komme ja kaum zur Tür hinein,
muss auch den Briefkasten noch leeren,
auch noch den Vögeln Futter streuen.

Im Briefkasten ist kaum was drin,
´s kam ja kein Mensch zum Häuschen hin.
Und dies alles um Mitternacht.
Was habe ich mir bloß gedacht.
Hilft alles nichts, jetzt muss es sein!
Ich muss jetzt in das Haus hinein.

Der Schlüssel knirscht gewohnt im Schloss,
ich werf die Taschen in den Flur,
klopf´ die verschneiten Stiefel ab
und lausch´ erst mal und schnuppre nur.
Geräusche sind nicht festzustellen
und riechen tut´s nach altem Haus.
Muffig und nicht sehr angenehm:
Seit Wochen ist die Heizung aus.

Ich taste nach den Sicherungen,
nun werde endlich wieder Licht.
Ich zerr die Potten von den Füßen,
doch Mantel ausziehen kann ich nicht.
Denn es ist grausig, grausig kalt,
viel kälter noch als draußen.
Unmöglich kann ein Lebewesen
in dieser Bude hausen.

Ich lausche an der Rumpelkammer –
nichts scheint sich zu bewegen –
ich schau sogar durch´s Schlüsselloch,
was sollte sich da regen?

Ich leg mit größter Überwindung
die Hand schon auf die Klinke –
ob ich in dieser Schreckenskammer
wohl gleich in Ohnmacht sinke?

Ich drück die Klinke, höchst gespannt,
welch Horror jetzt entweiche.
Was mache ich doch für´n Gehabe
um eine Puppenleiche.
Ach ja, ich hatt´ die Tür verschlossen,
den Schlüssel abgezogen.

Wo liegt er gleich? Ach ja, ich hab´s –
hinter dem Lichterbogen.
Gab´s doch vor einer Ewigkeit
mal eine frohe Weihnachtszeit.

Ich hatt´den Schlüssel gut versteckt,
damit kein Mensch den Zwerg entdeckt.
Jetzt muss ich´s tun! Jetzt oder nie!
Hab´s lange genug verschoben!
Jetzt muss ich mich den Geistern stellen,
die schrecklich in mir toben.

Die Glühbirne, am Kabel baumelnd,
verbreitet miserables Licht.
Grad richtig für die Abstellkammer, 
mehr braucht´s für das Gerümpel nicht.

Dann sah ich ihn, den kleinen Zwerg,
das Köpfchen hing zur Seite,
das Körperchen war aufgeplustert,
ging etwas in die Breite.

Saß wie ein kleiner Buddha dort
mit breit gekreuzten Beinen,
als hätte er eben meditiert,
so wollte es mir scheinen.

Die Hose war herabgewurstelt,
wohl noch vom Kampfe her,
sein Windelchen war tiefgefroren,
die Händchen waren leer.

Sein Westchen und das dünne Hemd
waren grau und gelb befleckt.
Ich sah ihn an, als hätt´ ich ihn
gerade erst entdeckt.

Als er noch ´lebte´ … oder so,
hab ich mir´s kaum getraut,
hab immer nur mit Abscheu
auf das Puppenpaar geschaut.

Auf einmal fuhr mir´s durch die Kopf:
So hatt´ ich ihn nicht abgelegt.
Es hat der Zwerg in all den Wochen
sich mehr als einmal noch bewegt.

Ich sah es an den kleinen Spuren,
dünn, doch verräterisch im Staub.
Wie muss er noch gewimmert haben,
doch ach, mein kaltes Haus ist taub.

Ich fasste Mut und wollte nun
sein schiefes Köpfchen grade rücken,
da schlägt er doch die Augen auf,
um mich ganz zornig anzublicken.

Der Blick des totgeglaubten Gnomes
wird stets mir unvergesslich sein.
Als würd er sagen: „Quäl mich nur,
das holt dich alles wieder ein!
Hast aus dem Tempel mich entrissen,
nun wirst du mit mir leiden müssen.“

Ich bin zu Tode fast erschrocken,
doch eh ich noch zum Denken kam,
nahm ich das kleine Elendsbündel
ganz fest, doch sanft in meinen Arm.
Ich hüllte es in meinen Mantel,
ganz dicht und eng an meiner Brust,
und wurde mir zum erstem Male
all meiner großen Schuld bewusst.

Versuchte, etwas aufzutreiben
für den erstarrten kleinen Mann,
versuchte, Saft ihm einzuflößen,
doch nahm der Kleine nichts mehr an.
So saß ich lange in der Küche
mit dem halb toten kleinen Freund
und habe aus der tiefsten Tiefe
ganz bitterlich um uns geweint.

Dann hab ich ihn ins Bett gelegt,
ganz hoch und mitten auf mein Kissen,
hab dicke Decken noch gesucht,
weil wir uns beide wärmen müssen.

Jetzt packte ich mein Büblein ein,
es lag buchstäblich jetzt in Watte.
Dann zündete ich Kerzen an,
sämtliche Kerzen, die ich hatte.

Vorsichtig legt´ ich mich zu ihm,
und sang ihm kleine Liedchen vor.
Ich weiß, das klang sehr jämmerlich,
doch dringt´s noch in des Kleinen Ohr?

Beim Zähneklappern und beim Weinen
muss aller Singsang kläglich scheinen.
Ich streichelte den kleinen Kerl
ganz unbeschreiblich zart und sacht
und habe um die beiden Püppchen
viele Gedanken mir gemacht.

Bin irgendwann dann warm geworden
und ungestört auch eingeschlafen.
Erwachte erst, als Sonnenstrahlen
auf unseren Bettenberg auftrafen.
Mein erster Blick galt meinem Kleinen:
Wie hat die Nacht er überstanden?
Und siehe da, statt meines Zwerges
war nur ein Püppchen noch vorhanden.

Ein kleiner Mann im besten Alter,
die Tracht war alt und bürgerlich.
Er war kein Greis und war kein Monster.
Wahrscheinlich war er einmal ´ich.´

Oh ja, denn ich erinnere mich,
wie ich dort vor der Kneipe lag,
als immer durstiger Kneipengänger,
als Meister Svoboda aus Prag.
Jetzt bin ich aber sehr betroffen:
Hatt´ ich mich damals … totgesoffen?

Das war die Puppe, die ich damals
vom Weihnachtsmarkt nach Hause trug.
Hatt´ aus dem Tempel sie gestohlen
und – ich bestrafte mich genug.
Hab sie aus meinem Herz gerissen,
um sie als Schmuckstück auszustellen,
und ahnte nichts vom wahren Wesen
der längst gestorbenen kleinen Seelen.

Und wie ich aus dem Fenster schaue,
ich fast nicht meinen Augen traue!
Ich kriege beinah einen Schreck:
Der ganze schöne Schnee ist weg.

Ich habe dann das kleine Püppchen
in einen Schuhkarton gepackt,
wieder mit Watte ihn umhüllt
und es gemütlich ihm gemacht.

Dann holte ich mein Moped raus
nach dieser langen Winterpause
und brachte ihn zu mir zurück,
in seinen Steinbruch, mein Zuhause.

Am Rand des kleinen Badesees
war´s Eis schon etwas weggeleckt,
ich trat ein größeres Loch hinein
und hab das Püppchen reingesteckt.

„Nun gute Reise, du mein Bester!
Und grüß mir deine liebe Schwester!“

Wann würde ich sie wiedersehen?
In wahrer menschlicher Gestalt?
Ich mach mir keine Illusionen,
doch denke – bald.

Wie sagte doch die Wächterin?
Hab ihre Worte noch im Sinn:
„Musst selber erst zum Leben kommen,
und dafür musst du draußen sein.

Musst erst die Außenwelt bezwingen,
musst selber erst unsterblich werden,
dann weckest du von ganz alleine
deine gestorbenen Zwergenherden.
Mut´ nicht den kleinen Zwergleins zu,
noch einmal auf die Welt zu kommen.
Ein jedes hat schon zuviel Leid
in deinem Leben übernommen.

Zeig nur ein wenig noch Geduld,
du kannst nichts mit Gewalt erzwingen.
Ganz sicher wird dir die Befreiung
sehr bald auf einen Schlag gelingen.

Du sollst dich von der Illusion,
ein Kind zu holen, besser trennen.
´s wär draußen dir nur Gegenstand,
du würdest es nicht mehr erkennen.“

… Zeig nur ein wenig noch Geduld … 
… musst erst die Außenwelt bezwingen …

Doch wie? Das muss mir einer sagen.
Wie sollen wir uns durch´s Leben schlagen?
Wir wissen nichts, erfahren nichts
und haben Unfug nur gelernt,
haben zum Herzen kaum mal Zugang,
und sind vom Himmel weit entfernt.

Wie zwinge ich die Außenwelt?
Wie mach ich sie mir untertan?
Ein Stimmchen ruft in meinen Herzen:
„Fang deine Welt zu lieben an.
Lieb alles ganz bedingungslos,
liebe die Opfer wie die Täter,
liebe die Starken wie die Schwachen,
das Großmaul wie den Leisetreter.

Liebe die Hässlichen und Schönen,
liebe die Alten wie die Jungen.
Lieb alles, was dein Blick berührt,
schon hast du deine Welt bezwungen.

Lass einfach Liebe in dein Herz,
denn wir sind alle in dir drin.
Erst wenn bedingungslos du liebst,
wirst du zur Herzenskönigin.“

Schau an! Die Stimme aus dem Herzen.
Wer wird´s denn wohl gewesen sein?
Das Weibchen mit den festen Händen
oder das Prager Meisterlein?

Ich nahm mir vor, nun niemals mehr
ein kleines Püppchen zu verachten.
Werd´ jedem mit Respekt begegnen,
und als was Heiliges betrachten.

Kein Püppchen soll sich irgendwann
noch über mich beschweren müssen.
Werd´ keins ans Tageslicht mehr zerren,
um´s dann zu treten mit den Füßen.

Leicht war sie nicht, meine Lektion  –
bedingungslos zu lieben.
Sie wurde gar zum Höllentrip,
das ist nicht übertrieben.
Sehr schwer, die eigene Entwicklung
voll Liebe anzunehmen,
sich stolzer Taten nicht zu rühmen,
sich der Fehler nicht zu schämen.

Ich darf nie mehr ein Urteil fällen,
muss Gutes gleich dem Bösen zählen,
kein Bonus mehr und kein Regress:
Irren gehöret zum Prozess.

Muss unentwegt der Puppenschar
Respekt und Liebe geben,
nur so erwachen meine ´Ichs´
mal irgendwann zum Leben.

Dann steigen sie von selbst herab
von steinernen Emporen.
Kein einziges ist schwach und krank,
kein einziges ging verloren.

Und was ist aus dem Freund geworden?
Ist auf der Strecke er geblieben?
Vielleicht liest er mal den Bericht.
Ich hab ihn nur für ihn geschrieben.


Er hielt mich für ´ne Teufelsbraut
und für ein Zwergenflittchen.
Vielleicht erkennt er eines Tages:
Ich bin doch sein Schneewittchen.

Schlief lange in dem kalten Sarg
und habe nichts verstanden.
Doch endlich taut mein kaltes Herz:
Nur Freude ist vorhanden.

Die Zwerge sind schon auf dem Sprung,
sie wollen zur Hochzeit tanzen.
Allein der Bräutigam fehlt noch
als Krönung von dem Ganzen.

Das Tanzparkett ist schon vorhanden,
kreisrund und gut gepflegt.
Noch keiner hat sich unbefugt
darüber hinbewegt.

Mein Prinz kommt sicher und gewiss,
so sicher, wie´s im Märchen ist.
Wird irgendwie die Wahrheit finden,
den tiefen Sinn dieses Berichts.


Dann weiß er: Liebe ist nicht alles,
doch ohne Liebe ist alles nichts.

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