Im Sarkophag 4

Kapitel 11 Klare Worte
Kapitel 12 Reifeprozess
Kapitel 13 Verbannung
Kapitel 14 Rückkehr der Königin

Klare Worte

Zu meinem gründlichen Verdruss,
der mich so tief im Herzen quält,
kommt noch der Engel Michael: 
Der hat mir grade noch gefehlt.

„Ach Micha, gerne würd´ ich glauben,
dass wir zwei Brüder Einer sind. 
Doch mich bedrückt es allzusehr,
was ich in meiner Welt so findt.

Da herrscht noch tiefe Finsternis
und Leiden fand ich ohne Ende.
Absurd, dass ich mit solch Ergebnis
mich jemals blicken lassen könnte
in jenen lichten Himmelshöhen, 
die jedem Mensch zum Ziele stehen.

Also – an geistige Geburt
ist vorerst bei mir nicht zu denken,
ich muss erst meine Welt bewegen,
das Böse kräftig einzuschränken.
Und außerdem, mein lieber Engel,
das sage ich dir im Vertrauen,
ich liebe meinen dunklen Bruder,
doch kann ich wirklich auf ihn bauen?
Er spielt angeblich jede Rolle
in meinem innere Erleben.
So hat er sich im Größenwahn
gar für dich selber ausgegeben.

Er wär der Michael gewesen,
der kürzlich mich besuchet hat.
Er hätt´ dich Engel nur gespielt.
Siehst du? Jetzt bist du aber platt.“

„Und wer sagt, dass ich es nicht war,
in ihm, dem Spiegel deiner selbst?
Wenn Gottes Fünkchen in dir ist,
das all dein Dasein dir beflügelt,
dann ist auch jeder Engel in dir,
der deine Kräfte zieht und zügelt.
Und dieses Spielchen, sieh es ein, 
muss auch im dunklen Bruder sein.
Du hältst ihn immer noch für schlecht
und hältst dich immer noch für gut.
Merkst du, dass solcherlei Bewertung
nur deinen Zielen Abbruch tut?

Im Herzen habt ihr euch vereint,
doch hapert´s noch mit dem Begreifen.
Noch fürchtest du um deine Macht,
willst dich auf Vorherrschaft versteifen.
Misstrauen bringst du ihm entgegen.
Damit beginnt der Höllentanz.
Es folgt der Zwang zu kontrollieren, 
dann kommt der ganze Rattenschwanz
von Furcht und Neid und Besserwissen,
von Regulieren und Verführen –
ein pures Abbild deiner Welt.
Mein Freund, du konntest es ja spüren.“

„Mal sagst du, man soll wachsam sein,
dann wieder soll man nur vertrauen.
Mal heißt es, man soll alles lieben, 
dann willst du mit dem Schwert drein hauen.
Ich weiß bald nicht mehr, was das soll.
Das Munterwerden ist nicht toll.“

„Ich hab dein Resümee gelesen,
deine Traktate von der Welt!
Du, der ´Gerechte´ siehst sie an
und hast sie in den Raum gestellt.
Du hast mit großer Gründlichkeit
die alte Welt dir angeschaut
und hoffst, das nun ein großer Gott
mal irgendwann dazwischen haut.

Gar viele Stimmen sprechen da
und melden sich in deinem Denken.
Zunächst spricht in dir Vaters Stimme, 
um dich zu führen und zu lenken.
Sie spricht stets sanft und mild in dir
und strahlet nichts als Liebe aus.
Daneben hört man andere Töne
aus deinem Resümee heraus.
Da ist viel Zorn und Dummheit noch,
viel halbverstandenes Wissen.
Rache und Besserwisserei,
das solltest du vergessen.
Vor allem Wichtigtuerei 
trägst du noch auf der Fahne.
Ja, meinst du, dass ein andrer Mensch
nicht auch solch Dinge ahne?
Nicht jeder spricht es immer aus.
Das ist auch gar nicht nötig.
Mach niemals dich zum Oberlehrer,
der eigenen Ehr´ erbötig.“

„Soll ich besser, lieber Michael,
den ganzen Kram vernichten?
Wie soll ich Irrwege erkennen, 
darf ich nicht drüber richten?
Muss alles, was ich neu erkannte,
gar vor mir selbst verschweigen?
Wie soll ich jemals ohne Sprossen
auf eine Leiter steigen?
Nichts anderes sind doch die Gedanken,
einer folgt immer auf den anderen,
so kann ein jeder mühelos
nur immer höher wandern.“

„Du sagst es, Freund.
Musst´ Spross´ um Sposse
dir deine Leiter bauen.
Darfst lächelnd, aber niemals richtend,
die unteren Sprossen schauen.
Es fiel kein Meister noch vom Himmel,
das weißt du ganz genau.
Und jeder, der zum Himmel will,
braucht einen Unterbau.
Willst du nun deinen Hochmut pflegen,
der Klügste stets zu sein,
dann reißt du dir mit Sicherheit
die unteren Sprossen ein.
Die sind doch unter deiner Würde,
weg also mit der alten Bürde,
den Thesen, die du aufgestellt´ –
als noch im Tiefschlaf lag die Welt.“

„Es ist nicht leicht, mein Michael,
die alten Fehler zu betrachten. 
Die andern Leute sehen das auch 
und könnten mich darum verachten.
Sie werden ´Wendehals´ mich nennen.
Das lernt´ ich aus Erfahrung kennen.“

Jetzt lacht er gar, der Michael.
Von Herzen – laut und lange.

„Ja, sag mal, Kleiner, ist dir gar
vor deiner Welt jetzt bange?
Was meinst du, was geschehen wäre, 
wenn niemals nichts gewechselt hätt´?
Du lägest jetzt noch in der Brühe –
im unerschöpften Weltenbett.
Oh nein, der Wechsel ist das Leben,
und macht der Mensch den Wechsel mit,
kann er erst vorwärts sich bewegen, 
kann weiter wachsen, Schritt für Schritt.
Mach dir nichts draus, wenn die Gedanken
Texte für Schulanfänger sind.
Die meisten Menschen deiner Welt
sind in der Tat genauso blind.
Geh stur und einsam deinen Weg,
gerät´s du öfters auch in Not:
Von vorne hast du Gegenwind 
und immer hinter dir den Spott.
Da musst du gar nicht diskutieren.
So geht´s nun mal den Pionieren.

Gedankenleitern, die du schufest,
die jetzt die Leut´ noch runterputzen,
die werden bald, du wirst´s erleben,  
die gleichen Leute selbst benutzen.
Wenn erst einmal die Leiter steht,
auf der du dich bald frei bewegst,
indem im Himmel wie auf Erden
beliebig du dein Zelt aufschlägst,
wird dies die Leute munter machen.
Drum lass die Leute ruhig lachen.

Nun stell dir vor, die unteren Sprossen
hättest du dir im Größenwahn,
jetzt alles besser noch zu wissen,
aus Peinlichkeit herausgetan.
Du könntest leider nicht mehr tänzeln,
flott zwischen Himmel und der Erde.
Drum sachte mit die jungen Pferde!
Lass deine Fehlersprossen drin,
die Ausdruck deiner Suche sind.“

„Da kann doch meine ganze Welt
von mir, dem Chef, die Fehler sehen?“

„Versuche nicht, sie zu vertuschen.
Du musst zu deinen Fehlern stehen.
Sie bilden deinen Reiseweg,
Irrwege, Stürze eingeschlossen.
Hast du erst mal dein Ziel erreicht,
bist um den Weg du nicht verdrossen.“

„Ich hab so vieles falsch gemacht,
weil alles in Bewegung war.
Das Wissen ist fast explodiert
in meinem letzten Lebensjahr.
In meinen frühen Jugendjahren 
hab ich das gar nicht so gespürt,
das meine sämtliche Erfahrung
im Handumdrehen den Sinn verliert.“

„Da siehst du, wie die Zeit verrennt!
Allmählich kommst du in die Gänge.
So, wie an Weisheit du gewinnst,
verabscheust du die alten Zwänge.
Der Geist, der aus der Flasche ist,
den kriegst du niemals wieder rein!
Selbst wenn du wolltest, könntest du
nie mehr so tot wie früher sein.

Um dein alte Denkungsart,
da solltest du dich gar nicht grämen.
Was meinst du, wie sich nun sehr bald
die ganzen Wissenschaftler schämen!
Wenn die erfahren, dass ihr Weltbild
nichts ist als eine Seifenblase,
dann zupfen die sich hoffentlich
bedeppert selbst an ihrer Nase.“

„Sag, Michael – ist eigentlich
mein Lebenswerk okay?
Das will ich eigentlich nicht glauben,
wenn ich mich hier so seh.
Vieltausend Jahre eingesperrt,
im Knast, im Sumpf, im Stein –
da kann ich alter Knochen leider
nicht mehr ganz taufrisch sein.
Ich meine fast, ich schaffe nicht
die geistige Geburt.
Was will ich machen, wenn mein Körper
nicht mehr wie früher spurt?

Und überhaupt, wie muss ich mich 
denn darauf vorbereiten?
Muss ich da ganz alleine gehen?
Darf jemand mich begleiten?
Muss ich da Kurse, Rituale 
und sonst was absolvieren?
Muss ich vielleicht Gymnastik machen
und Schriften noch studieren?“

„Sag einfach ´JA´. Mein lieber Freund.
Sag einfach: Ja. Ich will.
Sei fest und unrückbar entschlossen,
dann kommst du auch an´s Ziel.
Sei demütig und voller Liebe,
sei ohne Furcht, sei ganz.
Dann ist die ganze Neugeburt
ein wundersamer Tanz.
Sobald du fest entschlossen bist,
so wirst du still geführt.
Und alles, was noch nicht ganz stimmt,
wird bestens reguliert.
Jedoch, dein Wille ganz allein
wird Herr deiner Entscheidung sein.
Will sagen, keiner wird mit Macht
zu solch Prozess gezwungen.
Lass es mich wissen, lieber Freund, 
wenn du dich durchgerungen.“

„Und wenn ich ´Nein´ sage, Michael?
Sprich, was wird dann geschehen?“

„Dann wirst auf anderen Planeten
du ein paar Ehrenrunden drehen.
Mehr will und kann ich dir nicht sagen.
Das liegt an Reife und Betragen.“

„Wenn ich mir meine Welt anschaue,
in Punkt Betragen und auch Reife,
da bin ich aber sehr im Zweifel, 
ob meine Welt dies je begreife.“

„Du spiegelst dich in deiner Welt, 
An ihr kannst du auch sehen, 
wie sich die inneren Qualitäten
langsam zum Licht hin drehen.
Du tappst durch alle Wertsysteme
und reißt sie wieder ein.
Vom Sklaven bis zum Unternehmer
musstest du alles sein.

Du installiertest die Systeme 
mit großer Euphorie, 
bis sie die schwachen Stellen zeigten, 
dann überwandst du sie.
Stets mit viel Wind und viel Geschrei,
Begeisterung war stets dabei.
Und jeder Start, das ist nun so, 
geschah auf höherem Niveau.
nun ist die Weltenkraft verbraucht,
jedoch ein Wunder ist geschehen:

Du kannst jetzt jegliche Entwicklung
mit Mitgefühl und Liebe sehen.
Dein Zorn verraucht auf all das Böse, 
was gestern dir noch feindlich schien.
Jetzt weißt du, Mangel, Not und Leid
und jeder Krieg hatt´ seinen Sinn
Dies alles hat dich reif gemacht,
geduldig, demütig und mild.
Sobald du nun den Sinn erkennst, 
sich erst dein Herz mit Liebe füllt.

Dann hast du keine Feinde mehr,
willst liebend alles nur umschließen,
selbst deine Leichen dort im Keller
wirst du mit Freude nun begrüßen.
Sie alle dienten deinem Wachsen
in einem wahren Höllenfeuer.
Es dienten dir des Christus Engel
wie auch Luzifers Ungeheuer.
Nun bist du reif, den Schritt zu wagen,
kannst deine Schale nun zerschlagen.“

„Wie wunderbar, mein Michael –
fast fehlen mir die Worte,
jedoch du weißt es ja, ich bin
nicht von der schnellen Sorte.
Mal fliegt mein Geist hoch in die Luft, 
dann stürzet er hernieder.
Dies immerwährende Auf und Ab, 
das fährt mir in die Glieder.
Seit du zum ersten Mal mich wecktest,
war´s mit dem Schlaf vorbei.
Seitdem erkannte ich das Chaos
in meinem Weltenei.“

„Oh ja, mein Freund, du hüpfest jetzt 
die Stufen auf und nieder.
Grad warst du noch im siebten Himmel,
gleich hat die Welt dich wieder.
Traktate, die du gestern schriebst,
könntest heut du nicht mehr schreiben.
Es ist der Geist jetzt aus der Flasche
und kann nicht mehr drin bleiben.
Musst du die niedern Stufen drum
von oben her verachten?
Oh nein, du kannst in Ruhe nun
die alte Welt betrachten.

Ich kenne innen dich und außen,
niemand macht wirklich mir was vor.
Bedauerlich, dass Bruderliebe
in Misstrauen wieder sich verlor.
Wo Misstrauen ist, da ist nicht Liebe.
Das leuchtet dir wohl selber ein.
Du musst es einfach noch erlernen,
von Herzen brüderlich zu sein.

Schau sie dir an, die alten Schriften,
da spürt man noch die Dunkelheit.
Bis auf die innere Vaterstimme
war nichts in deinem Geist befreit.
Du fühltest dich von Geist erfüllt,
doch meist war es ein falsches Bild.”

„Ich hab´s von unten her gesehen,
so kämpfte ich und klagte ich.“

„Du klagst und jammerst immer noch,
trotz deiner jetzigen Übersicht. 
Rein alles findest du verkehrt,
hast überall was auszusetzen,
du wetterst gegen alle Welt,
und willst dich so an ihr ergötzen.
Das baut dich auf, mein lieber Freund,
das Schlechte stets im Andern sehen.
Dein Wirken war stets ´gut gemeint´ –
wer suchte es herumzudrehen?

Natürlich – ja, dein dunkler Bruder!
Hat überall die Hand im Spiel!
Du kannst jetzt alles auf ihn schieben,
denn er verträgt von jeher viel!
Stets war er deine Pufferzone
aus deinem eigenem Unvermögen.
Du hast gezündelt und er musste
die Hand für dich ins Feuer legen.

Was deinem kranken Hirn entspross,
entstand auf´s Haar in deiner Welt.
Oh ja, das Leid ist schwer und groß .
doch du hast alles hergestellt.
Schieb nichts mehr auf den dunklen Bruder, 
enthalt´ dich jeglicher Kritik.
Du bist der dunkle Bruder auch,
dein Wille ist auch sein Geschick.

Ich sage dir, ein jeder Handschlag,
den ohne Liebe du getan,
der schlägt als Böses dir zu Buche
und fängt dich bald zu plagen an.
Jeder Gedanke, jedes Wort, 
lebt dir im Spiegel fort und fort.
Sei´s vorsätzlich, sei´s unbedacht, 
du hast dir alles selbst gemacht.
Dann wunderst du dich, wenn das Unheil 
gewaltig auf dich niederprasselt.
Was an Querelen dir begegnet, 
hast du dir alles selbst vermasselt.“

„Oh Michael, jetzt bist du streng!
Ich sah das alles nie so eng.
Ich habe Kirchen mir gegründet,
so konnt´ ich mich auf Gott verlassen.
Ich gründete mir Obrigkeiten,
um machtvoll alles zu umfassen.
Bin schließlich Chef in meinem Leben,
so hab ich Arbeit abgegeben.
Was soll ich ganz allein rackern?
Ich ließ auch öfters andere ackern.
Dass alles aus der Spur bald lief,
das konnte wirklich ich nicht ahnen.“

„Oh doch, du gabst die Ziele vor:
Nichts tun, um kräftig abzusahnen.
Das ist das Übel deiner Welt.
Was du tust, tut dein Spiegelbild.
Doch bald ist´s mit der Welt vorbei,
dann ist das Ganze halb so wild.“

„Jetzt hast du doch dein Schwert benutzt  
und ordentlich mich glattgeputzt.“

Ja, Michael ist schwer zu fassen.
Er bringt rein alles auf den Punkt.
Wehleidig hab ich mich betrachtet,
so hat dazwischen er gefunkt.
Ist Michael nun destruktiv,
derweil er meinen Stolz zerhaut?
Oder zertrümmert er mein Ego,
damit mein Geist was Neues baut?

„Oh Michael, du machst mir´s schwer.
Wenn alles doch so einfach wär.
Wie sollte ich es je begreifen,  
versteinert hier im Sarkophag,
dass jede Fünklein meiner Umwelt
mir nur im eigenem Willen lag?
Vielleicht, weil du ein Engel bist,
kannst du die Menschen schwer verstehen.
Es ist ermüdend und belastend,
durch diese Erdenwelt zu gehen.
Es ist unmöglich, auf den Sprung
gleich alles richtig zu erfassen.“

Mein Freund, es spiegelt deine Welt
nichts als dein eigenes Tun und Lassen.“

„Natürlich hab ich abgesahnt.  
Was sonst, wenn es doch alle tun?
Doch niemals habe ich geahnt,
welch dunkle Kräfte in mir ruhen.
Blind wie ich war, habe ich immer
 ums Überleben kämpfen müssen.
Und was ich wollte, was ich tat,  
war stets gespickt mit Hindernissen.
Da stumpft man ab, da gibt man auf,  
man lässt die Dinge, wie sie sind.
 Am Schluss ist man wie aufgebraucht,
wenn alle Kraft zu nichts zerrinnt.“

„Mein Freund, ich bin nicht hergekommen,
in alte Wunden reinzuhauen.
Ich will dir nur Impulse geben,
dir deine Welt ganz neu zu bauen.
Die Leid war nie umsonst gewesen.
Es hat dich weich und mild gemacht.
Der helle wie der dunkle Bruder
haben ihr Lebensziel vollbracht.
Mag sein, dass du´s noch nicht begreifst
Du bist zur Göttlichkeit gereift.“

„Doch Michael, wie soll ich´s tun?
könnt´ ich doch einfach alles löschen!
Die Irrungen, die Wirrungen,  
die Leiden grad wie die Verbrechen.
Das ist wie eine Riesenmauer,
die klagend mir vor Augen steht!
Könnt´ ich sie doch zum Einsturz bringen!
Ach, wüsst´ ich wenigstens, wie´s geht!“

„Dann lösche deine alte Welt.  
Lösch alles, was dir nicht gefällt.  
Betrachte alles Lebenswerk
auf seinen Unsinn oder Sinn.
Wird alles Schlechte einfach weg,  
behalt das Gute in dir drin.“

„Wie du das machst, ist deine Sache.
Kein anderer redet dir da rein.
Du bist ja nun genug gereift,
um Meister deiner selbst zu sein.
Das ist die geistige Geburt:
dein göttliches Erbe zu erfassen,  
im Sinn der Liebe es zu brauchen  
und niemals wieder loszulassen.

Begrabe nun dein altes Denken,
zerschreddre deine Klageschriften,
vergiss die alten Plänkeleien,
du sollst verstehen und nicht richten.
Vergib dir selbst und allen andern.
Betracht´ die Welt mit Heiterkeit,
Jahrtausende warst du begraben
und nun bist endlich du befreit.

Schau mild auf alle deine Werke.
Sie waren Mittel stets zum Zweck.
Sie waren Mittel dir zu Reifung.
Nun lache froh und leg sie weg.
Sei dankbar nun für jedes Leid,
für jede Irrweg, jeden Schmerz,
sie mussten dich erst mürbe machen,  
denn fest versteinert war dein Herz.

Schau her, die Schale, deine Welt,
zerbricht jetzt wie die Eierschale.
Und wie du sie von außen siehst,  
verstehst du sie zum ersten Male.
So funktionieren des Schöpfers Wege.“

 „Siehst du, die Welt ist ein Gelege.“


„Ganz falsch mein Freund!  
Verwechsle nicht  
die Glucke mit dem Nest.
Die Mutter Erde trägst Gelege,  
darauf vertraue fest.
Sie ist die Glucke, die geduldig  
die Menschenkinder hütet,  
sie ist es, die euch nährt und wärmt
und wenig euch verbietet.  
Sie liebet euch bedingungslos,  
gibt, was sie geben kann
und schaut alle eure Kinderkämpfe  
mit großer Nachsicht an.

Ihr Menschen aber seid´s Gelege,
 sollt in der Liebe reifen.
Mit Gut und Böse reich bestückt,  
sollt Liebe ihr begreifen.
Als Hell und Dunkel ausstaffiert,
dürft ihr euch auch mal schlagen,
um euch auf Herzensebene  
bald wieder zu vertragen.

Der Welten jedoch gibt es viele,  
ja wahrlich ohne Zahl.  
Ein jeder Mensch hat seine Welt,
und die gibt´s nur einmal.
Verstirbt der Mensch noch ungereift,
fängt er bald wieder an,
sich eine neue Welt zu bauen,  
in der er reifen kann.  
Ein jeder hat in seiner Welt
ein Lernziel vorgefunden.
Und trotzdem sind die Welten alle
auf´s Innigste verbunden.

So warst du niemals ganz allein
in deinem Sarkophag.
Du bist ein Kind der Liebe,  das
in ´Vater-Mutter´ lag.
Und liegt und immer liegen wird, 
das kann auch niemals enden.
Und dennoch kannst du, jetzt gereift, 
zum eigenen Plan dich wenden.
Kannst schöpferisch jetzt tätig sein,
kannst fliegen zu den Sternen.
Du wirst dir neue Ziele stellen,
wirst immer weiter lernen.
Jetzt lernst du die Natur erst kennen
in unbekannten Reichen.
Erfahrungen bringst du mit ein,
die suchen ihresgleichen.

Du hast die Finsternis erforscht, 
stets in der Ohnmacht Barrieren. 
Nun wirst nach langer Wanderzeit 
du  in das Licht heimkehren.
Und du kommst nicht mit leeren Händen!
Nein, du bringst einen Diamant!
Dualität, sprich Gegnerschaft – 
in Gottes Liebeskraft gebannt!

Und du bist nicht das einzige Kind, 
das im Gelege nun erwacht!
Millionen himmlischer Geschwister
erwachen jetzt aus dunkler Nacht.
Sie alle legen ihre Schätze 
jetzt zu des Schöpfers Füßen.
Sie alle wollen jetzt den Morgen
nach langer Nacht begrüßen.
Und wie die Lichter jetzt erwachen,
springt eins aufs andere über,  
sie bündeln sich und strecken sich
und necken sich schon wieder.
Doch freudig ist dies Hin und Her,
wie ein beglückter Tanz.
Und wie sich alle so umfassen, 
umstrahlt´s die Erde ganz.

Schau auf dies Bild in deinem Geist.
Schau es genau dir an!
Und sag mir jetzt, wo Finsternis
sich noch verstecken kann.
Da gibt’s kein dunkles Eckchen mehr
im frohen Tanz der Lichter!
Schau nur die Farben überall, 
die strahlenden Gesichter!
Und diese freien Gotteskinder
gestalten jetzt die neue Erde.
Dass Frieden, Freude, Fülle nun
und Brüderlichkeit wäre.

Du fragst, wie Schöpfung funktioniert?
Da hast es grad gesehen.
Der Wille von euch Menschenkindern,
egal, wohin´s euch zieht,
bedarf zwar einer Kraftanstrengung,
jedoch – schau selbst –

GESCHIEHT.

Nun Freundchen, fasst du solches Glück?
Ja, das ist himmlische Physik.“

Reifeprozess

Langsam verstand ich meine Welt.
Ich hatt´ es jetzt begriffen.
Willst du zum Diamanten werden,
dann wirst du auch geschliffen.

Du wirst gefräst und wirst poliert,
bis jede Kante sitzt.
Du wirst geschliffen tausendfach, 
bis alles blinkt und blitzt.
Im dichten Sumpf der Finsternis
erkennst du jede Blöße.
Der Druck des Leidens festigt dich
und du gewinnst du an Größe.
Dies alles zählt zur Reifezeit
in langer dunkler Nacht.
Mit großer Sorgfalt muss Gott schleifen
die, welche er mächtig macht.

Der Engel hat mir Mut gemacht, 
das Ziel mir vorgeführt,
und dennoch war mein Steinessarg
noch nicht kristallisiert.
Zwar leuchtete schon zart ein Licht,
doch strahlend war er längst noch nicht.

So konnte ich den Sarkophag  
noch immer nicht verlassen.
Nun ja, mein dunkler Bruder nennt
mich nicht umsonst ´den Blassen´.  
Das war etwas, das hielt mich fest
samt meiner ganzen Welt –
als wäre im allertiefsten Grund
ein Leiden, das mich quält.

Das alles Böse in mir ist,
das hatte ich verstanden.
Mein früheres Schablonendenken 
war fast nicht mehr vorhanden.
Was ich an Quatsch geschrieben hatte,
an alter Weltbetrachtung,
war wehleidig und anklagend –
Bild geistiger Umnachtung.

Hab ich vor ein paar kurzen Jahren 
tatsächlich so gedacht?
Haben die ganzen Scheinprobleme
mich so verrückt gemacht?
Hab ich mich über allen Kram
tatsächlich so ereifert?
Hab ich dies alles angeklagt
und alles voll gegeifert?
Bin über alles hergezogen 
mit meiner Besserwisserei?


Schuf ich mir darum solch Dämonen,
dass ich lebendig sei?


Ich hab mich künstlich aufgeregt
und hielt das schon für´s ´Leben´.
Als würd´s in einer Eierschale
etwas zu Mäkeln geben.

Ich hatte durch den dunklen Bruder
stets Feinde mir erschaffen,
um aus der Starre zu erwachen
und nie mehr einzuschlafen. 
Für Austausch, Stärkung und Belebung,
schuf ich mir Institute,
so band ich auf den Hintern mir
die selbstgeflochtene Rute.
Ich musste mir Gerichte schaffen,
weil ich das Unrecht installierte.
Ich musste Wissenschaft erfinden,
weil Weisheit ich ins Dunkle führte.
Ich wollte in den Sumpf hinein und
musste doch getrieben sein.

Du wirst gefräst und wirst poliert,
bis jede Kante sitzt.
Du wirst geschliffen tausendfach, 
bis alles blinkt und blitzt.

Am Schwierigsten war umzugehen
mit meiner Sehnsucht nach Daheim.
So mussten zwischen mir und Vater
die mächtigsten Barrieren sein.
So bildete ich Religionen, 
Sekten und Kirchen ohne Zahl,
die dienten mir als Pufferzonen 
von meinem ´jetzt´ zum ´war einmal´.

Wäre dort Licht hindurchgesickert,
hätte den Sumpf ich nie betreten.
Nun aber war ich abgeschnitten
und ganz allein mit meinen Nöten.
So drängte es mich stets mit Macht
in meine Geist-Institutionen.
Es muss doch irgendwo im Glauben
die letzte feste Wahrheit wohnen.

Doch wie ich suchte und studierte
und alle Kirchen ausprobierte,
den Weg nach Hause nie ich fand.
Ich stand vor einer festen Wand.
Vor einer festen Wand aus Regeln,
Zeremonien und Gebräuchen,
aus Ehrerbietung – und aus Furcht!
Die Kirchen können doch nicht täuschen!

Als kleiner Butz war stets ich fröhlich
dem Papa auf die Knie gesprungen.
Jetzt hatte mich ein Herr und Gott
erbärmlich in die Knie gezwungen.
Selbst mit der tiefsten Gottessehnsucht
konnt´ Trennung ich nie überwinden.
Bei jedem Anlauf musst´ ich mich
auf´s Neue tief am Boden finden.

Ich hab die Religion geliebt
und später hab ich sie gehasst.
Steckt´ ich den Kopf zum Sumpf heraus,
hat sie mir einen Hieb verpasst.
Heute bin ich allen Kirchen dankbar,
 dass sie´s so schlimm mit mir getrieben´.
Hätten sie mich mit Gott verbunden,
dann wär ich nicht im Sumpf geblieben.
Ich musste erst den Weg durchwandern,
der auf dem Lebensplan mir stand. Jetzt,
wo ich Religion so sehe,
wird endlich lockerer diese Wand.

So schau ich Stück für Stück mir an
in meinem großen Weltenplan.
Ich musste alle Kriege führen
und alle Schmerzen musst´ ich spüren.
Musst´ schaffen das erdenklich Böse,
auf dass ich´s liebe und erlöse.
Heut dank ich allem, was mich quälte
und mich so lang im Sumpfe hielt.
Das letzte Winkelchen der Hölle
ward so erforscht und klargespült.

Das war mein Ausflug in die Hölle,
mein Ausflug in die tiefsten Tiefen, 
damit mich meine Gotteskräfte
nun selbst hinauf zum Himmel riefen.
Ich hab die Welt mir angeschaut, 
doch jetzt mit einem offenen Geist.
Da gibt es gar nichts zu beklagen,
weil alles zur Vollendung weist.

So hab ich meine ´Eierschale´
– die Welt – belächelt und gelöscht.
Ja, meine Welt ist Illusion,
und darum auch nicht schlecht.

Denn Illusion bleibt Illusion.
Sobald man dieses weiß,
macht einen dieser ganze Kram
tatsächlich nicht mehr heiß.
Ein Lebensfilm und weiter nichts.
Betrachtung meiner Welt,
in meine Sinne, meinen Kopf 
und in mein Herz gestellt.

Schwer zu begreifen, aber wahr:
Geschützter Weltenraum.
Voll Fröhlichkeit und Grausamkeit, 
doch letztlich nur ein Traum.
Ein vorgeburtliches Erleben,
ein Werden, Wachsen und Verwerfen.
Ein Sammeln edler Seelenkräfte, 
ein stetes Geist- und Sinneschärfen.

Und wenn der Mensch dies erst versteht,
hat er´s schon halb gewonnen.

Mit neuem Denken hat sofort 
ein neuer Weg begonnen.
Ein neuer Weg, der aufwärts führt,
Wegweiser dicht an dicht.
Fast scheint er auf der Zielgeraden
auf seinem Weg ins Licht.

Doch irgend etwas hielt mich fest
in meiner Euphorie.
Ich war im Stein wie festgenagelt
und wußte bloß nicht wie.
Ich muss noch einmal tief zurück,
uralte Wege gehen,
die alten Kreuzwege betrachten. 
Was war da einst geschehen?

Wo war ich grundhaft falsch gegangen
und hab´s nie ausgeglichen?
Sind nicht seit jenem Urverlust
Jahrtausende verstrichen?
Was hatt´ ich einst zurückgelassen?
Was hatte ich verloren?
Ganz muss die Seele sein und heil,
sonst werd´ ich nicht geboren.

Ich muss noch mal hinuntersteigen
tief in der Pyramide Grund.
Mutig geh´ ich die Zeit zurück, 
erwartend einen üblen Fund.
Es muss etwas gegeben haben,
was mich so ruinierte,
weil ich von Anbeginn mein Leben
in falsche Richtung führte.

In einer innerlichen Kargheit,
ja Halbheit, führte ich mein Leben.
Es muss für diese kalte Armut
ja irgendwelche Gründe geben.

Verbannung

Ich ging durch einen lichten Hain
im sanften Abenddämmerschein.
Ein Bauernvölkchen, schlicht und klein, 
trabt müde von den Feldern heim.
Kiepen mit Futter auf dem Rücken,
Harken und Körbe in der Hand,
schlenderten fröhlich und geruhsam
die braven Leutchen über´s Land.
Hart war die Fron, die Arbeit schwer,
doch das bedrückte sie nicht sehr.

Sie schienen fest in ihrem Kern
und hatten sich wohl alle gern.
Mit ihrem Tagewerk zufrieden,
kehrten sie heim in ihre Hütten.
Und ich, gelöst mit heiterm Sinn,
befand mich glücklich mitten drin.

Das war ein Kichern und ein Lachen,
die Feldarbeit war schon vergessen.
Jetzt würden sie die Tiere füttern,
dann würden sie zu Abend essen.
Dann gäb´s noch bisschen Fidelklang,
man tanzt und singt die alten Lieder
bis hin zum ersten Mondenschein
und dann verkrümelt man sich wieder.

So strebte alles flugs nach Hause –
hin zu den Kindern und den Alten,
die sanft und klug den Herd bewachen
und alles in der Ordnung halten.
In diesem ländlichen Idyll
möcht´ gerne ich zuhause sein –
in diesem lichten Heideland
mit seinem warmen Sonnenschein.

Auf einmal war da ein Geräusch,
ein leises Keuchen, Flattern, Fauchen
und weit vor uns auf sandigem Weg
begann ein Wesen aufzutauchen. 
Ein kleiner Wirbelwind, mehr nicht.
Im Staub verwirbelte das Licht.

Er stürmte uns direkt entgegen,
im Zickzack hin- und hergeschmissen
und wie die Leute dieses sahen,
sind sofort alle ausgerissen.
Ganz ziellos und doch sehr bewusst
jagt dieses Wesen auf uns zu.
Das Lachen stirbt auf den Gesichtern,
die Scherze brechen ab im Nu.

Ein jeder wirft sich in die Büsche,
schmeißt Kiepen, Körbe, Harken weg
und flieht in wahrer Windeseile
ins nächstgelegene Versteck.
Man flieht zu Hecken, Gruben, Gräben,
klettert auf Bäume ganz geschwind,
Warum sind alle so entsetzt 
vor diesem kleinen Wirbelwind?

„Was ist das?“, frage ich die Leute.
doch eine Anwort hör ich nicht.
Ich seh die Panik in den Augen,
doch alle Münder bleiben dicht.

Ich frage nochmal, was das sei 
in meiner Ahnungslosigkeit,
doch keiner dieser Leutchen ist 
zum Sterbenswörtchen nur bereit.
Doch ich seh´s Flattern ihrer Hände
und ihre Augen sprechen Bände.

Ich seh das Wesen näher kommen,
steh ganz allein noch auf dem Weg.
Ich will´s doch wenigstens betrachten,
was auf uns zu kommt, wild und schräg.

Langsam wird mir ein wenig bange,
doch weiß ich gar nicht gleich, wohin,
da zieht ein Weiblein mich zur Seite, 
damit in Sicherheit ich bin.
Sie zerrt mich hoch auf eine Weide,
die uns im dichten Laub versteckt.
„Schau es nicht an!“, beschwört sie mich, 
doch ich hab längst ´das Ding´ entdeckt.

„Schau es nicht an! Schau es nicht an!“
Zu spät. Ich habe es getan.

Es ist ein kleines, bleiches Mädchen,
so an die zehn, zwölf Jahre alt,
in dürftig hell-verschlissenen Kleidern
mit einer wahren Mordsgewalt.
Alles ist grau an ihr und dürr,
der blonden Haare Filzgewirr,
die Haut sehr staubig und verschmiert,
Bewegung, die fast explodiert,
ein Blick, der starr ins Leere stiert.
Sein Blick kann töten auf der Stelle,
wo´s hinschaut, sinket alles nieder.
Was es berührt, verdirbt im Nu
und nimmermehr erhebt sich´s wieder.

Die Bauern kannten wohl dies Wesen
und wussten damit umzugehen,
doch ich in meiner Schläfrigkeit, 
ich hatte es noch nie gesehen.

Oh ja, die Frau, sie hatte Recht.
Wer es sich anschaut, dem geht’s schlecht.
der Magen krampft sich mir zusammen,
ich muss mich fast schon übergeben,
das Herz, es rast und stolpert wild,
als gänge es mir jetzt an´s Leben.

Oh, dieser Schrecken, dies Entsetzen, 
ich wünsch´s nicht meinem ärgsten Feind.
Ein höchstes Konzentrat an Bösem,
in einem schwachen Kind vereint.

Alles an ihm ist fahrig, wild
und unberechenbar verstört.
Es irrt durch die Jahrtausende
und keiner hat ihm zugehört.
Ein jedes Wesen flieht vor ihm,
rechts, links huscht jeder vor ihm weg.
Man sagt ihm nicht mal ´Guten Tag´, 
man wirft sich lieber in den Dreck.

Wer ist das nur? Wer kann das sein?
Da fiel mir Engel Micha ein
„Bedenke: Alles ist in dir.
Fürche dich nicht vor den Dämonen.
Es sind Gebilde deiner selbst,
sonst würden sie nicht in dir wohnen.“

Und dann war dieses Kind verschwunden, 
hab mich im Sarkophag gefunden.
Schockiert sah ich dies Bild noch immer
im Kopfe mir vorüberziehn,
so ging mir über´n ganzen Tag
dies arme Kind nicht aus dem Sinn.

Oh ja, dies war ein armes Kind.
Nie wird ein Kind von selber böse.
Vielleicht hab ich mir´s anschaun müssen,
damit ich´s endlich nun erlöse?

Ich wusste doch von der Blockade,
die stets mich noch im Dunklen hielt.
Ich muss wohl dieses Kind noch heilen,
den Schrecken, den ich so gefühlt.

Am Abend lief ich nochmal hin,
in dieser sanften Dämmerstunde.
Nicht ohne Bange, doch ich hörte
noch stets das Wort aus Engelmunde: 
„Nie droht von außen dir Gefahr.
Selbst bist du alles immerdar.“


Rückkehr der Königin

Ich hockte mich auf einen Stein,
blies auf ´nem kleinen Rohrflötlein.
So wie´s der Knabe damals tat,
mich in den Sumpf gelocket hat.
Ich spielte lange vor mich hin,
sah Wolken schon vor´m Monde ziehen.
Hört´ Käuzchenruf und Eulenschrei,
doch ach, kein Mädchen kam vorbei.

Bis ich sie sah. Im bleichen Licht.
Still stand sie da und rührt´ sich nicht,
Hat sie mein Flötenspiel gebannt?
Hat sie sich auch in mir erkannt?

Der helle und der dunkle Bruder,
gefangen in dem Weltenei?
Ob bei den Kämpfen dieser beiden
wohl Platz noch für ein Mädchen sei?
Da war kein Platz, ich wusste es.
Die Welt war eine Männerwelt.
Ich hatt´ seit tausenden von Jahren
die Kleine in das Aus gestellt.

Das wusste ich, ich war der Grund
für all ihr schreckliches Entgleisen.
Weil dieses Kind nicht lieben durfte,
musst´ es im Bösen sich beweisen.
Die Frauen wurden generell
in meiner Welt gering geschätzt.
So ward des Mädchens Energie
schwer ausgeblutet und verletzt.

Zwar gab es Frauen, gab es Mütter,
und auch der Mädchen allerlei.
Doch keine Zauberin, keine Fee
und keine Göttin war dabei.

Durch unseren ewigen Bruderzwist
hing meine Welt stets schiefer.
Doch die Missachtung dieses Mädchens 
ging unbeschreiblich tiefer.

Es war die Göttin, die da stand,
am tiefsten Punkte meiner Welt. 
Die Klageschrift der Göttlichkeit. 
Was hast du Schänder angestellt!
Am tiefsten Punkt der Pyramide,
weit unter meinem Sarg aus Stein, 
musste die Königin ich finden,
elendiglich zum Himmel schreien.

Ich hab die Königin verbannt!
Verjagte sie zum Untergrund!
Oh Himmel! Was hab ich getan!
Was bin ich für ein Höllenhund!

So war mir alle Welt verdunkelt,
vom Himmel dimmte ich das Licht,
und meine zarten inneren Teil, 
die Weiblichkeit, erkannt´ ich nicht.

Jetzt sah ich meinen Irrweg ein.
Wie war ich falsch gelaufen!
Ich durft´ um keinen Preis der Welt
die Seele mir verkaufen.

Jedoch ich habe es getan,
es schlug mir kein Gewissen.
Hab alle Liebesenergie
mir aus dem Nest geschmissen.
Ich habe allen Weiberkram
stets nur gering geschätzt.
Und dabei, wie´s der Spiegel tut, 
mich tödlich selbst verletzt.

Es ist mein Mädchen, was dort steht.
´s ist meiner Seele Kern,
zerstört, gefährlich, irr geworden –
und doch, ich hab es gern.
Sonst wär ich nie herabgestiegen 
in diese dunkle Nacht.
Die Machtgier meiner Egozentrik
hat mich fast umgebracht.

Deswegen konnt´ mein Sarkophag
sich nicht kristallisieren!
Erst muss ich diese arme Kind
als meine Himmelskönigin
wieder ins Herz mir führen!

So führte ich dies Kind mir heim
mit Achtung und Respekt
als meine größte Kostbarkeit,
die in mir selber steckt.

War ich denn ohne Weiblichkeit
nichts als ein hohler Baum?
Kein Wurzelwerk, kein inneres Mark,
das hieße: aus der Traum.
Ein Mensch ohne sein Gegenstück 
ist nichts als nur Attrappe.
Kannst Stamm und Astwerk imitieren,
doch alles nur aus Pappe.

Mein liebes, armes, inneres Kind.
Wie hab´ ich dich verletzt!
Hab dich misshandelt und verachtet
und schlimm dir zugesetzt!

Du bist die Seele meines Seins
und hast so schwer gelitten.
Ich habe mich nie an dich erinnert.
ich hab dich abgestritten.
Ich hab gesagt, es gibt dich nicht. 
Das ist nur Spinnerei,
dass in dem festen Menschenkörper
auch eine Seele sei.

Nun nähr ich dich in jeder Stunde
und drück dich an mein Herz.
Ich salbe deinen alten Wunden
und stille deinen Schmerz.

Ich wärme dich und hüte dich,
denn du bist doch mein wahres Ich.
Und nie kann es mir gut ergehen, 
willst du nicht strahlend auferstehen.
Ich wasch dich rein mit meinen Tränen 
und meiner tiefsten Reue.
Als Eins werden wir neu geboren. 
Ach, wie ich mich bald freue.

Du bist die Wurzel meines Seins,
du bist mein inneres Mark.
Gemeinsam sind wir nur vollkommen,
gemeinsam sind wir stark.

Mit andern Augen sah ich jetzt
die falsche Weltenmacht.
Mein dunkler Bruder hatt mich dumm,
mein Mädchen arm gemacht.

Und so wie ich mein Mädchen liebte,
so keusch, so schön, so rein,
erglühte bald mein Sarkophag
so wie ein Edelstein.

Da war noch gestern Stein gewesen,
erbärmlich, kalt und tot.
Nun schimmert es und flimmert es
in warmen Rosenrot.
So wie ich mich darüber freute
und strahlte ganz vor Glück, 
schon jubelt meine ganze Welt:
„Die Göttin ist zurück!“

So hab die Welt ich heil gemacht,
ganz ohne viel Moneten.
Ich hab mich selber restauriert,
um heil herauszutreten
in meine neue Wirklichkeit
als Krönung meiner Probezeit.

Ich ließ nur einfach Liebe zu
und hab die Furcht verwunden,
In jedem Stein der Pyramide
hab ich mich selbst gefunden.
Ein irgendwann gelebtes Leben
in meiner Ewigkeit.
Selbst schuf ich allerhöchste Freude
und tiefste Traurigkeit.

Der Untergrund und Oberbau, 
sie hielten sich die Waage.
Das war ein harter Weltenlauf,
ganz ohne jede Frage.
Doch nun war Welt bedeutungslos,
mein Ego ausgeblutet.
Bald schlüpft eine wahres Gotteskind,
von Liebe ganz durchflutet.

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