Im Sarkophag 3

Kapitel 7 Brüder im Geist
Kapitel 8 Im Sumpf
Kapitel 9 Aus Wasser Wein
Kapitel 10 Großreinemachen

Brüder im Geist

Wir Brüder hatten uns gefunden,
waren wir doch immer eins gewesen
als heller und als dunkler Bruder,
um uns gemeinsam zu erlösen.

Als wir uns nun so lang umarmten,
hab ich so seltsam mich gefühlt.
Als würde nun in tiefen Strömen
mein Trennungsschmerz herausgespült.

Oh nein, wir haben nicht geweint,
da war die Stimmung viel zu sacht.
Wir haben fast wie fremdbestimmt
unseren Frieden nun gemacht.

Ich sah den dunklen Bruder an.
Wie ähnlich wir uns wirklich waren!
Mein Spiegelbild, mein Gegenüber.
Durch ihn hatt´ ich mich selbst erfahren.

„Warum hab ich dich nicht erkannt
als mein ganz eigenes dunkles Ich?
Alleine du hast mich geführt 
und plagtest mich oft fürchterlich.
Die Welt dort draußen blieb mir fern,
war nur Kulisse all die Zeit.
Doch du mein Bruder, führtest mich
und schufest für mich Freud und Leid.

Du warst mit mir im Sarkophag,
untrennbar eng die ganze Zeit.
In dir hab ich mich reflektiert,
so lag ich mit mir selbst im Streit.
Du zerrtest mich und schobest mich,
so kamen beide wir voran.
Wir reflektierten uns perfekt,
auf dass ein jeder wachsen kann.
Du hast mit mir die Welt geschaffen,
wie sie jetzt ist, zu gleichen Teilen.
Und jetzt, wo wir uns selbst erkennen, 
wird sich die Welt von selber heilen.

Wie sind wir ähnlich uns geworden!
Und dennoch: Jedem blieb sein Ich.
Was schlüpft bald aus dem Weltenei,
weil alles nun vollkommen sei?
Das Licht gepaart mit Finsternis?
Die Mutation des freien Willens,
wobei sich Hell und Dunkel tragen
und trotz verbrieften Eigenwillens
sich nicht mehr gegenseitig schlagen?
Veredelt nun zu neuer Form,
die ganz sich in die Schöpfung fügt 
und als schwarz-weißer Diamant
in Gottes Schöpfungsteppich liegt?“

„Mein heller Bruder, meinst du denn,
ich hätte selbst mich recht erkannt?
Ich tat nur, was mein Wesen war:
Zerstörer werd´ ich auch genannt.
Wenn nun die Duldung und Zerstörung
in einem Ei zusammenprallen,
dann weißt du ja – selbst unter Brüdern,
da muss es einfach mächtig knallen.

Doch eins geht mir nicht aus dem Sinn:
Ich frag mich, wer ich wirklich bin.
Du nennst dich Engel, das ist klar.
Ich zähl zur dunklen Engelschar.
Das soll jetzt keine Wertung sein.
Wir krochen in ein Ei hinein.
Nach ungezählten Fehlversuchen
ist jetzt die Sache wohl geschafft.
Die neue Spezies wird geboren,
sobald die Blase gänzlich platzt.

Sind wir der Adam? Alle beide?
Du wärest Abel, ich der Kain?
Kann Brudermord und ewiger Fluch
der Auftakt neuen Lebens sein?


Herausgefallen aus der Ordnung,
bedurft´ es viel an Winkelzügen,
dies einst dramatische Geschehen
komplett sich wieder hinzubiegen.

Jetzt ahn´ ich fast, wie Schöpfung läuft:
Geistiges Neuland wird betreten.
Manifestieren muss sich´s selber –
trotz Widerstands und größten Nöten.
Ich war dein Mörder und verbrachte
die Sühnezeit in tiefster Scham.
Du aber schliefst, im Geist ermordet,
bis keine Kraft mehr aus dir kam.

So musste ich dich doch erwecken.
Wir wohnten doch in einem Ei!
Und nie könnt´ ich auf dich verzichten!
Weil ich doch nur die Hälfte sei!
Du musstest aus der Amnesie –
komme was will – einmal erwachen!
Sonst wär es unser beider Tod!
Und dann wär gar nichts mehr zu machen.
Du wirst´s nicht glauben, Bruderherz,
ich hatte plötzlich Mitgefühl.
Wie hab ich meine Tat bereut.
Wie klagte ich und weinte viel.
Und was konnt´ ich am besten machen?
Natürlich, Freund. Die dunklen Sachen.
Und immer wieder schliefst du ein.
Du warst so schwach, du warst so klein.

So wollt´ ich alle Zeit dir dienen,
das schwor ich mir aus tiefstem Herzen,
Wollt´ in der Finsternis dich hüten
und tragen alle deine Schmerzen.
Ich diente dir die ganze Zeit,
jedoch auf meine dunkle Art.
Was ich als dunkle Kraft erlitt,
hab ich der hellen Kraft erspart.
Schmerz blieb mein einziges Gefühl.
Oh ich litt viel, unendlich viel.

Ich musste wieder dich beleben
mit aller Kraft und allen Mitteln.
Ich musste hegen dich und pflegen,
ich musste stutzen dich und schütteln.
Ließ ich mal nach in meiner Mühe,
dann schliefst du sofort wieder ein.
So musste ich dir unentwegt
der Stachel nun im Fleische sein.

Aus Liebe habe ich´s getan.
Ich trieb und spornte dich stets an.
Du solltest stark und wachsam werden.
Mir ebenbürtig auf das Haar.
Und Bruder? Jetzt bist du´s geworden.
Du bist erwacht! Wie wunderbar.
Du hast den blinden Mensch gespielt,
von Mächten hin- und hergeschoben.
Ich aber musst´ den Schurken mimen,
in dem die Höllenkräfte toben.

Mich hat mein Schöpfer ungeordnet,
chaotisch in die Welt geschickt.
Du aber wurdest reich gesegnet,
sobald du´s Licht der Welt erblickt.
Mich hat die Eva liegen lassen,
als wäre ich ein Stückchen Dreck.
Dir putzte sie im Mutterglück
ein jedes Nasentröpfchen weg.
Hätt´ nicht der Schöpfer streng bestimmt:
„Du ziehest beide Söhne auf!“,
dann hätte wohl die Zeit genommen 
´nen völlig anderen Verlauf.

Oh nein, das ist schon höchste Ordnung,
was sich der Schöpfer da gedacht´. 
Er hat den zweiten Sohn beschenkt
und hat den Ersten arm gemacht.
Sehr arm an Liebe, ja ich war
von Elternliebe abgeschnitten.
So wuchs in mir die Finsternis,
ich bin ins Böse abgeglitten.

Was dann geschah, das weißt du ja
Vergeltung heißt das alte Spiel.
Will man im Leben mir nichts geben,
dann nehme ich mir, was ich will.
Die Kräfte prallen aufeinander,
es kommt zum wahren Zornesknall,
die erste Bresche ist geschlagen
für einen teuflischen Kanal.
Die hochperfekte Himmelsordnung
hat nun mit einem Mal ein Leck.
Die bösen Kräfte dringen ein,
die guten Kräfte fließen weg.

Und wird das große Weltenei
durch diesen Mangel sehr geschwächt,
kann´s Gute nicht mehr überleben.
Die Brut ist faul, das Ei ist schlecht.
Dann heißt es wieder neu beginnen.
In unendlichen Folgezeiten
müssen sich wieder Kräfte bilden
und irgendwann Erfolge zeigen.

Die Seelen blieben stets daheim
in unseres Schöpfers Vaterhaus.
Doch unsere Persönlichkeiten
tobten sich stets aufs Neue aus.
So separierte sich allmählich
aus Gottes ewiger Lichterpracht
die Düsternis der Gottesferne,
bald mündend in der tiefsten Nacht.“

Mein Bruder wendet still sich ab,
wischt eine Träne vom Gesicht:

„Ich weiß nicht, ob ich Kahin heiß.
Das war jetzt bloß mal so´n Vergleich.
Ich weiß nicht, wer ich wirklich bin.
Ich mein, ich steck in allem drin.

In allem, was du dir erbautest
in unserer Welt der Illusionen –
in allem müssen zwangsläufig
auch meine dunklen Triebe wohnen.
Oft hab ich selbst mich Kain genannt,
derweil ich mich in ihm erkannt´.“

„Meinst du, ich wüsste meinen Namen?
Wie hätte ich ihn je erfahren?
Es hieß, ich stammt´ von Adam ab
wie alle Menschen dieser Erde.
Doch meinst du, dass in meinem Schlaf 
ich mich um solche Dinge scherte?

Wir kommen blind in diese Welt
und blind verlassen wir sie wieder.
Es steckt wohl in der ganzen Welt
die Geisteshaltung dieser Brüder.

Kahin und Abel – welche Not!
Einer ist Mörder, einer tot.
Wie willst du mit solch schlimmem Erbe
dir eine ganze Welt errichten? 
Denn was der Helle Gutes schafft,
das wird der Dunkle stets vernichten.“

„Mich schuf der Schöpfer als Vernichter,
als ewig dunkle Gegenkraft.
Nichts kann ich als nur stets vernichten,
was irgendwer sich je erschafft.
Der Schöpfer ließ es scheinbar laufen,
wohl wissend, wie´s am Ende wär.
Das Leben hatt´ schon ich zerstört,
so hielt der Tod nun dafür her
.

Ich hab dir selbst den Tod zerstört,
ich konnte gar nichts anders tun.
Ich hätt´ gelitten immerdar
und du hättest müssen ewig ruhen.
Und sag mir, wäre dies gerecht?
Und sag mir, bin ich darum schlecht?

Ich ward erschaffen so wie du.
Einer ist dunkel, einer hell.
Es ist nicht möglich, dass ein Zug
sich selber seine Weichen stell.
Da gab es eine innere Führung,
die mich zu meinen Taten rief.
Wie deine Führung dich betäubte,
damit du schliefest, fest und tief.
Du wolltest gar nicht mehr erwachen
aus deiner langen dunklen Nacht.
So habe ich dich immer tiefer
in das Verderben reingebracht.
Um nur das eine zu bezwecken –
dich von den Toten zu erwecken.
Ich glaube, jetzt ist mir´s geglückt.
Oh Mann, das war ein starkes Stück!

Verstehst du Bruder, was ich meine?
Das war nicht alles Zufall nur.
Es lockte uns der ewige Schöpfer
auf eine völlig neue Spur.
Wie dehnt der Schöpfer Schöpfung aus?
Ein Kind verlässt sein Elternhaus.“

„Und die Erfahrung, Stück für Stück,
bringt er veredelt dann zurück.
Du, dunkler Bruder, warst besorgt,
mir ja das Leben zu erhalten –
ich aber war zu schwach und tot,
um alles sinnreich zu gestalten.

So sind wir tausendmal gestorben
und ungezählt wieder erstanden.
In allen Menschen unserer Welt,
sind wir, das Brüderpaar vorhanden.
So tappten wir mehr schlecht denn recht
durch unseres Geistes Finsternis.
Wir kannten nur noch Gut und Böse, 
und etwas anderes sahen wir nicht.“

„Das Erbteil unseres Vaterhauses,
das kam uns völlig aus dem Sinn.
Und doch ruht in der Herzenskammer
das ewige Vermächtnis drin.
Wir mussten es bloß noch erwecken,
die Zeiten mussten dafür reifen.
Erst, wenn es friedlich wird im Menschen,
dann kann er wieder danach greifen.“

Nach ungezählten Proberunden
hatten wir wirklich uns gefunden.
Des Bruders Geist war jetzt geläutert
zu einem schwarzem Diamanten.
Und meines Wesens heller Geist
war zaghaft wieder auferstanden.

In unsrer beider Herzen glühte
leis auf ein feuriger Rubin.
als unser ewiges Vermächtnis,
verbrüdert und uns ewig liebend,
nun in dies Heiligtum zu ziehen.
Wie wir uns näher kennenlernten,
stahlte stets heller unser Licht.
Doch unseren oder unsere! Namen,
die kennen wir noch immer nicht.

„Weißt du, ich will dich ´Dunkler´ nennen.
Ich hoffe, du bist nicht beleidigt.“

„So sei´s. Und ich nenn dich den ´Blassen´.
Der Schwache, der sein Licht verteidigt.“

Ja, unter Brüdern, muss man sagen,
ist man nicht eben zimperlich.
Uns gegenseitig anzustacheln,
vergaßen wir noch immer nicht.
Denn bei zu großer Harmonie,
da schläft man ein und weiß nicht wie.

Wachkoma

Im Sumpf

Wie nun die eitlen Weltprobleme
sich immer mehr im Nichts verloren,
erkannte ich die Illusion,
als wär mein Geist mir neu geboren.

Dem Bruder war´s wohl gleich ergangen,
er war versöhnt mit seinem Los,
so lang musst´ er den Teufel spielen,
doch war er edel, schön und groß.

Wir wussten, unser schwerer Weg
lag immerzu in Schöpferhänden.
Er lockte uns in diesen Abgrund,
damit wir einen Ausweg fänden.
Nichts blieb dem Zufall überlassen,
kein Schrecken war je ohne Sinn.
Die Hölle hatten wir kartiert und
konnten nun nach Hause ziehn.

So standen lange wir versonnen,
das alte Leid im Nichts zerronnen.
Doch merkte ich, dass mir was fehlte
und dieses auch den Bruder quälte:

Der neue Mensch ist auferstanden.
Doch wer von uns ist nun gemeint?
Wir sind im Doppel noch vorhanden,
denn richtig sind wir nicht vereint.
Wir sind noch immer zwei Personen,
sind noch zwei ganz verschiedene Typen,
sonst könnten wir uns nicht erkennen, 
und auch nicht achten und nicht lieben.

„Sag, Dunkler, was hätt´ unsere Reise
zuguterletzt für einen Sinn,
wär außer Spesen nichts gewesen
und läge kein Ergebnis drin?“

„Weißt du, was beim Wort ´Ewigkeit´
mir immer auf der Zunge lag?
´Nun gut, die Ewigkeit ist jetzt.
Doch was tun wir am Nachmittag´?“

Da fingen wir beide an zu lachen
und ließen gar nicht wieder nach
und merkten kaum, wie hinter uns
die alte Lügenwelt zerbrach.

„Schade“, sprach ich, „die schöne Welt!
Ging mir zwar oft am Sarch vorbei.
Doch ganz egal ist mir das nicht,
weil sie ja noch nicht fertig sei.
Und hier in meinem Sarkophag
brennt zwar ein winzig kleines Licht,
doch wenn ich mir´s genau betrachte,
kristallisiert sich der noch nicht.

Wie soll ich darin Ruhe finden,
jetzt, wo mir das Gewissen schlägt?
Wenn alles Elend meiner Welt
mir ständig noch vor Augen steht?
Ich ahne schon, mit welchen Dingen
wir nun den Nachmittag verbringen.“

Von ferne hört ich Flötenton
von unendlicher Harmonie.
Ganz leise, sanft und wundersam
wie eine Schöpfungsmelodie.
Dazu sah ich ein Bild vor mir,
als Knab´ mit dunklem Lockenhaar,
wie ich vor unendlichen Zeiten
zur Erde aufgebrochen war.
Ich sah mich streichen durch die Sümpfe,
so kindlich rein und wunderschön,
als unschuldiges sanftes Wesen
sah ich mich selbst vorübergehen.

Das Wesen spielt´ auf einer Flöte,
ich hört´ den magisch-schlichten Klang,
sah seine klugen sanften Augen,
die jetzt zu mir herübersahen.
Still hat dies Kind mich angeblickt
und mir gar ernsthaft zugenickt.
Versonnen lief es dann vorbei,
als ob ich nicht vorhanden sei.

Da sah ich, dass der schöne Knabe
nur schwebte! Keine Füße hatte.
Wie hätte er auch laufen können
in dieses Sumpfes dichter Matte?

Denn in unendlich wilder Fülle
aus Pflanzenwuchs und großen Tieren
war noch kein Weg geebnet worden.
Den Fuß konnt´ niemand drüberführen.
Die sanften Tiere, wahre Riesen,
neigten dem Kopf zu ihm herab,
als ob sie freundlich ihn begrüßten,
und wendeten sich wieder ab.

Sie grasten weiter unbeirrt,
von schillerndem Insekt umschwirrt.
Riesige Vögel, buntgefiedert,
bevölkerten die ganze Pracht
und über allem Paradies
hat hell der Sonnenschein gelacht.

War dieses hier der Garten Eden?
Dies wunderbare Farbenmeer?
Wo nahmen diese fremden Farben
denn ihre Leichtigkeit nur her?
Man konnte fast die Düfte sehen,
die Farben riechen konnt ich schon.
Und ach. Ich schmeckte auf der Zunge
den wundersamen Flötenton.

All meine Sinne waren eines
und ich war Alles. Mittendrin.
Doch wusste ich, dass diese Bilder
im Innern mir vorüberziehen.

Welch wunderbare Wasserwelt –
In ihrer Schönheit unerweckt!
Unendliches an Phantasie,
doch flüchtig nur im Geist versteckt.
Der Knabe ging mir aus dem Bild,
der Blick ins Paradies verschwand,
als ich noch immer mit dem Bruder
still und vereint am Platze stand.

„Sag Dunkler, hast du auch gesehen,
was eben hier vorüber lief?“

„Ich hab als Knaben mich erkannt
in einer Wildnis, weit und tief.
Dann hört´ ich einen süßen Ton,
der lockend mich nach Hause rief.“

„Genau dies hab ich auch vernommen,
als sollt´ ich jetzt nach Hause kommen.
Ich wär am liebsten gleich gegangen,
doch kam nicht rein in dieses Bild.
Als wäre zwischen mir und mir 
ein unendlich stabiles Schild.“

Ja, plötzlich war der Knabe weg.
Verklungen war der Flötenton
und nur der Ruf ist mir geblieben:
Komm jetzt nach Hause, lieber Sohn.

Doch, Blasser, hast du auch gesehen.
Dem Jungen fehlte es an Füßen.
Als würd´ sich ein Phantom bewegen,
als würd er über´s Wasser fließen.

Oh, diese Kraft in seinen Augen!
Die hat mich wirklich tief berührt.
Noch nie hab ich in einem Kinde
solch schöpferischen Ernst verspürt.
Was wollte uns der Knabe sagen?
Der Geist, der über´m Wasser schwebt?
Muss er sich erst die Wege schaffen
bevor er sich darauf begibt?

Entstehen Füße erst durch Wege,
die zu bewältigen man hat?
Um einzutauchen in die Sümpfe,
um anzufassen jedes Blatt?
Um zu berühren jedes Wesen,
das lockend uns sein Haupt hinneigt?
Erschaffe ich mein Wesen selbst,
weil Unerforschtes sich mir zeigt?

Wir haben Füße und wir könnten
uns nicht so über´n  Sumpf bewegen.
Wir müssten uns erst Pfade suchen,
Gestrüpp abschlagen, Hölzer legen.
Mit einem Wort, wir müssen uns
erst in den Sumpf hineinbegeben.
Wir müssen unseren Kopf anstrengen
und fleißig unsere Hände regen.“

„Und dann, mein Dunkler, weißt du nicht,
was in dem Sumpf dich sonst erwartet.
Ist unter´m schönen Wasserspiegel
der Sumpf ganz anders nicht geartet?
Wenn oben diese großen Tiere 
ganz sanft die Köpfe zu uns neigen,
wer weiß, ob die sich unter Wasser
nicht giftig, bös und bissig zeigen?
Wir sehen die Welt nur voller Glanz,
doch was verbirgt die Resonanz?“

Und doch. Wir haben irgendwi
des Sumpfes Finsternis bezwungen.
Wir selber sind zum Sumpf geworden
und so in ihn hineingedrungen.
Der Knabe hat sich zweigeteilt.
Hier stehen wir als ich und ich.
Hier stehen wir als Duplikate –
und wir verstehen´s noch immer nicht.“

„Ich bin der Knabe, ohne Zweifel“.

„Ich bin der Knabe, ich allein.“

„Ich habe mich ganz in ihm gesehen.“ 

„Es kann der Knabe ich nur sein.“

„Ich streit´ mich doch nicht selber ab,
wo ich als einziger mich kenne.“

„Hilft dir´s, wenn ich von mir als Knaben
ganz viele Einzelheiten nenne?“

„Du kannst mir überhaupt nichts sagen,
schließlich war ich bei mir dabei.“

Und merkt ihr was? Schon wieder kam´s 
zu einer kleinen Streiterei.

Wir sahen tief uns in die Augen:
Wir sind es beide, zweifellos.
Ein Gott, unendlich weit gespiegelt,
unendlich klein, unendlich groß.

„Bruder, wir müssen einig bleiben,
wenn dies auch harte Arbeit scheint.
Wir haben zwar jetzt unsere Herzen,
doch noch nicht den Verstand vereint.“

Die Trennung hat viel mehr vollbracht,
als nur aus Einem Zwei gemacht.
Ein jeder von uns hat sich längst
eigene Welten nun gestaltet.
Mit unterschiedlichster Erfahrung
er nun die eigene Welt verwaltet.“

„Jedes Atom in unserem Ich
hat als allein sich einst erkannt.
So kämpfte jeder gegen gegen,
wobei es keiner je verstand.“

„Einer war oben, einer unten,
so haben wir uns stets getrieben
und halfen stets uns aus der Patsche, 
sonst wären wir wohl abgetrieben.“

„Der Obere wär eingeschlafen
in seinem hellen Sonnenschein,
würd´ ganz den Unteren vergessen, 
der müsste ewig unten sein.“

„Also musste der Dunklere 
den Lichteren stets wieder stören. 
Nur so ging´s, den Prozess zu halten
und nimmer damit aufzuhören.“

„So haben wir im Oben, Unten,
in Gut und Böse, Hin und Her
im unendlichem Schöpfungsraum
den Weg geebnet mehr und mehr.“

Wir haben uns zertrennt, gespiegelt
und zerrgespiegelt ohne Ende.
Zum Kämpfen zwangen wir uns selbst,
auf dass man überleben könnte.

So wurde mühsam, Zoll für Zoll
in selber auferlegter Fron
der leeren Schöpfung abgenötigt
des jungen Knaben Traumvision.

Ein Gott hat sich ein Reich erschaffen –
nicht durch Gesetze und Gewalt.
Er spiegelt sich in seinem Reich
in unermesslicher Gestalt.
Er schuf sich selbst in diesem Reich
als seines Universums Pracht,
er hat es alles unterschiedlich
und hat doch alles gleich gemacht.

Wir waren niemals seine Sklaven,
doch haben oft uns so gefühlt.
Nein, wir waren immer seine Teile.
Ein Gott hat mit sich selbst gespielt.

Wir sind es alle beide, Bruder.
Und alle Menschen sind es auch.
Und alle Tiere und Geschöpfe
sind Teil von jenem Schöpfungshauch.
Ein Geist, der über´s Wasser ging.
Ein Knabe, der die Flöte spielt.
Ein Stückchen Schilfrohr, weiter nichts.
So werden wir nach Haus geführt.

Geduldig schließt der zarte Ton
die kleinen Herzenskammern auf.
Und souverän lenkt Mensch die Schritte:
Oh ja, ich eil´ zu mir nach Haus.

Abendstimmung Weg nach Hause

Der Menschenfänger mit der Flöte,
er ruft uns zu:

Erinnere dich.  
Tritt in die Tiefe deines Seins.
Du bist der Knabe, du bist ich.
Du bist die Wege mitgegangen
vom Knaben bis zum reifen Mann.
Du hast Unendlichkeit gestaltet,
damit man sie erforschen kann.

Ich hab mich selbst in dir geschaffen,
so wie ich dich am besten brauchte.
Du warst´s, der zu den Sternen flog,
du warst´s, der in die Höhlen tauchte.
Du warst die Dienstmagd in der Küche,
du warst der Fischer auf dem Meer.
Du warst der Eskimo im Norden,
du warst im Schloss der feine Herr.
Du warst der Häftling im Gefängnis,
du warst´s, der in die Kasse griff.
Du warst es, der die Welt missbrauchte.
Du warst es, der die Messer schliff.
Und jegliches meiner Geschöpfe
ist zweigeteilt in Für und Wider,
das ist der Antrieb und die Bremse,
es ist das ewige Auf und Nieder.

Als ´Wir´ hab Ich den Sumpf kartiert,
den göttliche Vision erschuf.
In endlos langen Zeitenläufen
verlockte mich der Wildnis Ruf.
Unendlich viele Wesen dienen,
die Welt mit Leben auszufüllen.
Sie sind so herrliche Geschöpfe,
verkörpern alle meinen Willen.

Doch wie ist eine Herrlichkei
in Ewigkeiten auszuweiten?
Ich such mich ungezählte Male
selbst wie im Spiegel auszubreiten.

Doch ein gespiegeltes Geschöpf
ist lang noch nicht das Unikat,
und kann und wird es auch nie werden,
weil es ganz anderes Umfeld hat.
Trotzdem ist es aus mir gekommen,
aus meinem unerforschtem Geist,                 
dann kann ganz frei es sich entwickeln,
im Weg, den es sich selber weist.

Nur locker halte ich die Zügel,
ich enge nichts und niemand ein.
Denn nur ein wirklich freier Geist
kann Schöpfer großer Dinge sein.
Natürlich kommt es nur aus Mir.
Doch wie wär es sonst darzustellen?
Ich kann den Blick auf´s Innenleben
in meinem Außen nur erhellen.

Und dazu muss ich´s strukturieren
und Ordnung in die Dinge bringen.
Ich muss den Formen Namen geben
und muss in Harmonie sie zwingen.
Dazu braucht es Miriaden Augen,
Miriaden von komplexen Sinnen.
Nie kann ein Teil den ganzen Blick 
auf meine Herrlichkeit gewinnen.

Zunächst galt es die Lebenskräfte
in kluger Weise abzustufen,
aus dem in mir Vorhandenem
Mitschöpfer in die Welt zu rufen.
Mitschöpfer mit der gleichen Kraft,
wie ich sie in mir selber fühle. 
Doch jeder treibt in andere Richtung,
so gibt es bald der Schöpfer viele. 
Und was wär alle Freiheit wert,
wenn alles in eine Richtung fährt?

So muss ich Gegnerschaft erlauben
als Ausdruck höchster Energie.
Ohne wirkungsvollen Gegenwillen
erweitert sich die Schöpfung nie:
Der Sumpf, das unbekannte Reich.
Sichtbar und unsichtbar zugleich.

Architektur – Ohne schöpferische Energie erneuert sich die Erde nie

Aus Wasser Wein

Nun, lieber blasser Bruder, sag –
was tun wir nun am Nachmittag?“


„Wir streifen bisschen durch die Welt,
mal schauen, ob alles mir gefällt.
Ich sehe selber noch nicht klar, 
was alles meine Schöpfung war.
Und was die deine, lieber Freund.
Mal war es gut, mal schlecht gemeint.
Doch meistens ging mein Meisterschuss,
auf deutsch gesagt, nach hinten los.

Vor allem möcht´ ich gerne wissen,
wie kam´s zu all den Hindernissen.
Was lief so auf der dunklen Seite?
Wie kam die Welt in diese Pleite?
Was ich zum Wohlgefallen schuf,
mit reinstem Herz und bester Meinung,
zeigte mir bald sein Gegenteil
als äußerst üble Randerscheinung.

Ich konnte machen, was ich wollte, 
beinahe alles lief verkehrt.
Die Zufallstreffer gingen gut,
doch Pläne wurden mir zerstört.
Stets wurde ich hin- und hergeworfen
und konnt´ mir selbst nicht mehr vertrauen.
Nur stets dem Zufall unterworfen,
war´s schwer, mir Stärke aufzubauen.“

„Oh doch, durch meine Gegnerschaft
bist du erst wieder stark geworden.
Die weichen Früchte gibt´s im Süden, 
die festen Früchte gibt´s im Norden.

Wir haben unseren Sumpf kartiert
als Schritt in unbekannte Tiefen
und mussten dazu Regeln schaffen,
die alle Kräfte wach uns riefen.
Wie anders wäre das gegangen
als nur durch kämpfen ohne Ende?
Meinst du, dass man die neue Schöpfung 
auf dem Tablett servieren könnte?

Wir haben unsere Schöpfungen,
die farbenprächtig vor uns lagen,
in unendlichen Zeitenläufen
in dunkle Tiefen nun getragen.
So wurden sie entstellt, verfestigt
und ungezählte Mal zerstört,
weil alles, was nicht höchste Ordnung –
stets auf den Müllhaufen gehört.

Und dies erfordert Opferwillen,
zehrt Kräfte und verursacht Schmerz.
Vor allem braucht´s für diese Wege
ein hell begeistert´ – liebend´ Herz.

Du Bruder, solltest Erster sein,
ich drängte mich vor dir hinein.
Ich habe das Böse installiert
und alle wasserdichten Pläne
schnell ins Absurde hingeführt.
Wobei mein Werk ich trotzdem tat,
nur mir erhöhtem Schweregrad.
Mit meinem Scheinsieg konnt´ das Dunkel
in jedes Menschenherz nun dringen,
und darum musst´ nun jeder Mensch 
das Dunkel in sich selbst bezwingen.

Durch diesen Abgrund ward die Schöpfung
ganz unfreiwillig nun gestählt,
weil jede Seele nach dem Leiden
einmal die Liebe doch erwählt.
Glaub mir, mein Freund, und freue dich
So unnütz war das Böse nicht.
Verloren wir oft die Orientierung,
stets waren wir unter Gottes Führung.
Gott hatte alles stets im Griff,
verleiht dem Mensch den letzten Schliff.

Dir, Träger unserer Herzenskraft,
hatt´ ich die Führung weggenommen
so konnt´ ich, Träger des Verstandes
beinah damit zum Siege kommen.
Doch wär´s ein Pyrrussieg gewesen,
uns beiderseitig aufzulösen.
Ist´s Böse erstmal installiert,
dann weiß man nie, wohin das führt.“

„Wie kommt es, Dunkler, dass du jetzt
so weise bist und liebevoll?
Denn alle deine Erdenwerke,
die waren wirklich nicht so toll.
Du siehst ja, was der Weltverstand
auf Erden angerichtet hat.
Das Unrecht schreit hinauf zum Himmel.
Die Armen werden nicht mehr satt.
Die Lügen sind nicht auszuhalten,
Natur ist schwächlich jetzt und matt.“

„Ich akzeptiere deine Skepsis.
Kannst du denn wirklich mir vertrauen?
Will ich dich nicht mit neuen Tricks
schon wieder ins Verderben hauen?
Eins habe ich dir nicht gesagt,
du hättest es auch nicht verstanden.
In deiner Schwäche, deiner Dummheit
war stets die Gotteskraft vorhanden.
Zwar hab ich dich stets angetrieben,
doch Erster warst du stets geblieben.
Ist doch die ganze große Welt
der Gottesmacht nur unterstellt.

Doch weil Verstand in unserer Welt
damals die Oberhand gewann,
blieb deine Gotteskraft verborgen.
Das Unheil seinen Lauf nun nahm.

Du warst in deiner Erdenschwäche
der wahren Kraft dir nie bewusst,
Du hattest stets die Macht, doch hast 
sie nur zu nutzen nicht gewusst.
Du trugst das goldenen Gottesfünkchen
in unserem Herzen ganz allein.
Selbst wenn ich oft den Vormund spielte,
ich wollte nur dein Diener sein.
Als ich am Anfang dich zerstörte,
lag weinend ich auf deinem Grab.
Was nützt´s, wenn mir die Welt gehört
und ich kein Gottesfünkchen hab?

Erst als ich uns als Eins erkannte,
als rechte und als linke Hand
des einen, neuen, wahren Menschen,
da ward geläutert mein Verstand.
Jetzt konnte ich dir wirklich dienen,
nicht nur zum Schein, von oben her.
Und glaube mir, den alten Kahin,
den ersten Sünder, gibt’s nicht mehr.“

„Und was nützt mir die Schöpferkraft,
wenn ich sie nicht klug nutzen kann?
Was meine blinde Kraft bewirkte,
das schau ich auf der Welt mir an.
Du bist da nicht alleine Schuld!
Du hast gedacht, ich hab getan.
Du hast ins Elend mich getrieben,
doch ich hab alles unterschrieben.
Du könntest mit Verstand allein
niemals die ganze Welt bestrafen.
Wir sollten uns in Ordnung bringen,
ich hab schon viel zu lang geschlafen.“

„Wir sind längst in der Ordnung, Bruder!
Geliebter! Wir sind aufgewacht.
Wenn wir uns endlich selbst erkennen,
ist alles wunderbar vollbracht.
Als unerkannt, als Gegner gar,
bekämpften wir uns Jahr für Jahr.
Allein, um uns voranzutreiben,
um neue Räume zu besetzen,
um kalte, leere, dunkle Räume
in Gottes Schöpfung zu vernetzen.“

„Komm Dunkler, schauen wir Hand in Hand
die alte Welt uns nochmal an.
Damit wir beide nun begreifen,
wie man es besser machen kann.

Wir sind die Pioniere, Bruder!
Nach uns wird manches leichter sein.
Wegweiser bauten wir und Brücken,
setzten geduldig Stein für Stein
uns ständig neue Wege bauend,
der eigenen Kraft stets mehr vertrauend.“

„Mich drängte immer nach dem Licht.“

„Meinst du, mein Freund, das wüsst´ ich nicht?
So strecktest du dein Haupt hervor
aus deines Sumpfes tiefsten Tiefen,
dass ich fast den Verstand verlor.
Wie schrecklich hab ich mich gefürchtet,
du warst doch hässlich zum Erbarmen!.

„Ich hab das doch nicht bös gemeint,
ich wollte dich doch bloß umarmen.“

„Du hättest mich hinabgezogen,
weil dieses ja dein Wesen ist.“

„Du hättest es bei mir gut gehabt!
Hätt´ dich gehätschelt und geküsst.
Doch Spaß beiseite, lieber Bruder!
Ich hab´s tatsächlich auch getan.
Das Licht versank im tiefsten Sumpf.
Schau dir die Welt doch heute an,
wie sie dahinsiecht, krank und dumpf.

Du hast dich vor dem Sumpf gefürchtet
und steckest längst schon mittendrin,
so konnt´ allmählich dann dein Licht
den ganzen schwarzen Sumpf durchziehen.
Es ist dein Licht nie ganz verloschen,
wie schwach es oft geflackert hat.
Die Gegenkraft hat es gestärkt,
nun siehst du heut das Resultat.

Die Weltenblase, die jetzt platzt
ist Scheinwelt nur der Finsternis.
Es ist die Herrschaft des Verstandes
über das innere Herzenslicht.
Es ist an dieser alten Welt
tatsächlich nichts zu reparieren.
Doch kommt die Wahrheit nun ans Licht,
wird sie den Mensch zum Himmel führen.

Ich hab die Menschen dumm gehalten,
um Gottes Plan nicht zu gefährden.
Die Masse musst´ nicht nur gezogen,
sie musste auch getrieben werden.

Und doch – in jeder kleinsten Zelle
erglühte bald der Liebe Licht
und Not und Tod und tausend Tränen
erstickten diese Liebe nicht.
Ein jedes Leid schuf Mitgefühl,
Unrecht schuf Solidarität.
Je höher sich das Dunkle bäumte,
desto mehr hat es sich ausgelebt.

Durch ewig lange Zeitenläufe
ward erst das Dunkel immer dichter,
und jetzt, wo wir am Ziele sind,
wird plötzlich alles wieder lichter,
bis neu des Glückes Sonne scheint.
Wie sagtest du, geliebter Freund?
‘Fast endlos schien mein Niedergang,
und jetzt ist auch mein Bremsweg lang.’

So konnten wir der ewigen Schöpfung
eine Markierung nun verpassen.
Der eine drückte alles nieder, 
der andere musst´ sich drücken lassen.
Doch wenn man´s erst einmal versteht,

der Aufstieg sehr viel schneller geht.
Die Finsternis ist nun kartiert, 
manch sichere Piste drüber führt.
Wir litten schwer und tausendfach,
leicht gehen uns nun die anderen nach.

Wir goren unser Dunkel aus
in Kämpfen, Kriegen und Intrigen.
Das, was der eine krumm gemacht´,
musste der andere grade biegen.
Wir stolperten durch unsere Welt
in ungezählten von Beschwerden.
Doch jetzt, wo wir uns selbst erkennen,
wird wahrer Frieden sein auf Erden.

Wir sind´s doch: unsere ganze Welt
in Miriaden Einzelwesen,
von hell und dunkel gut durchmischt,
so wird sich´s zügig nun erlösen.

Doch vorerst musste aller Sumpf
von Gotteslicht durchdrungen werden.
Ein jedes Teilchen musste gären,
sich separieren und sich klären.
Nun Bruder, fällt dir etwas ein?“

„Ja. So macht Gott aus Wasser Wein.“

So sind wir alle beide Sieger, einen Verlierer gibt es nicht. Wir spielten beide unsere Rollen im Spiel von Licht und Finsternis.

Wird erst der Liebe Licht gedimmt,
das Spiel grotesken Lauf annimmt.
Wir habens doch an uns gesehen, 
das Licht muss erst ´zu Grunde´ gehen,
bevor´s den Grund duchdringen kann
und strahlend auferstehen dann.“



Großreinemachen

Nun hatte ich in langen Stunden
mein Weltenelend mir beschaut,
wie auch die vielen schönen Sachen,
die man sich so zu tun getraut.

Die schönen Dinge, ohne Frage –
konnt´ ich mir leicht zugute rechnen.
Und bei den vielen dummen Sachen
war leicht die Meinung auszusprechen,
dass dieses meine Schuld nicht wäre:
Die Zeit wär Schuld an manch Misere.

Ich war verstört und oft entsetzt,
was alles in der Welt  geschieht,
obwohl nach außen hin doch jeder
sich um Verständigung bemüht.
Und stets ertappte ich mich wieder,
schob alles auf mein Gegenüber.

Denn er ist schwarz und ich bin weiß.
Wer hell ist, kann nichts Böses tun.
Doch weiß man wirklich, welche Kräfte 
in meines Bruders Innerem ruhen?
Konnt´ ich ihm wirklich ganz vertrauen?
Weiß man genau, wohin  das führt?
Und merkt ihr es? Schon wieder hatte 
ich mir das ´Misstrauen´ installiert.

Und ist es einmal installiert,
durchläuft es sämtliche Prozesse.
Jetzt musst´ ich immer darauf achten, 
dass ich das Misstrauen nicht vergesse.
Sei wachsam auf dem Weg nach oben,
gerate nie auf schiefe Bahn.
Schau, was von ´scheinbar außen´ kommt,
genau auf seine Wahrheit an.

Oh Mann, jetzt hatte ich zu tun!
Wie Schuppen fiel mir´s aus den Haaren!
Welch Lügen war ich aufgesessen!
Welch Feindschaft musste ich erfahren!
Verschworen schien die ganze Welt,
verlogen in den tiefsten Gründen!
In jedem Wort, in jeder Schrift,
bemüht´ ich mich, Verrat zu finden.

Und selbstverständlich fand ich ihn.
Ich hatte anderes nicht erwartet.

Hatte ich doch mein Weltprogramm
im Status ´Misstrauen´ neu gestartet.
Und darauf war ich auch noch stolz.
Fühlte mich haushoch überlegen
den Schläfern sonnigen Gemüts,
die sich im Tageskram bewegen.
So kam zum Misstrauen noch der Drang,
die Welt um mich zu kontrollieren.
Denn alles, was ich selbst erkannte,
mussten doch auch die andern spüren?

Doch all die andern schienen nichts
von solchen Dingen mitzukriegen.
Sie lasen Zeitung, schauten fern
mit allersimpelstem Vergnügen.
Ich hätte manchmal platzen können
vor soviel Alltagstümelei.
Jedoch sie lachten mich nur aus, 
was ich doch für ein Spinner sei.
Ich bin in Wahrheit doch kein Spinner,
ich bin doch auf dem Weg nach oben!
Ja sehen denn diese Deppen nicht, 
welch dunkle Kräfte uns umtoben?

Sie sagten: „Lass doch deinen Mist!
Hör endlich auf mit diesem Kram.
Wir leben, wie es uns gefällt 
und wie wir´s immer schon getan!“

Solch Meinung hat mich sehr verbittert,
da konnt´ ich nur die Nase rümpfen:
„Na, wartet! Wenn die Blase platzt!
Dann werdet ihr am meisten schimpfen!“

Nun hatte ich schon mit dem Bruder
in weiser Einsicht mich versöhnt,
doch ´meine Welt´ gehorchte nicht
dem Frieden, den wir uns ersehnt.

Wie suchte ich mit allen Mitteln
die Mitmenschen mir aufzurütteln,
Ergebnis war stets Vogel zeigen,
war Schulter zucken, Köpfe schütteln.

Das brachte mich durchaus in Rage,
war drauf und dran, zu resignieren.
Wie sollt´ ich meine dumme Welt,
so abgestumpft, zur Wahrheit führen?

Bin ich der Chef in meiner Welt,
muss ich Verantwortung auch tragen.
Ich muss, weil ich ein Gutmensch bin, 
den Leuten stets die Wahrheit sagen.
Ich darf die Unwahrheit nicht dulden,
muss kraftvoll und mit Energie
mir meine ganze Welt umkrempeln, 
weil ich die schließlich mit mir zieh´.
Oh ja, zur Not auch mit Gewalt!
Da mache ich vor gar nichts halt!
Ich habe doch nicht ewig Zeit
beim Aufstieg in die Seligkeit!

Ich habe Recht, weiß alles besser,
hab alles mir genau beschaut
und weiß, wo die Gefahren lauern:
indem man aller Welt vertraut.

Die Welt ist mir Beweis genug,
die Kirchen wie die Politik,
die Wissenschaft so wie die Wirtschaft.
An allem übe ich Kritik.
An Bildung und an Medizin
kann ich nur wenig Gutes finden
Von der Kultur noch ganz zu schweigen:
Das muss man alles überwinden.
Wo ich auch hinschau, wird´s mir übel. 
Mir kommt die Galle hoch dabei.
Mir ballt die Faust sich in der Tasche,
wie obermies die Welt doch sei.

Ich habe sorgsam registriert, 
was alles in den Abgrund führt.
Oh das ist viel, unendlich viel.
Wohin den Blick ich wenden will,
wohin ich mein Interesse richt´,
da stell´ ich fest: Die Welt ist schlecht.

Das kann ich doch nicht akzeptieren!
Und keinesfalls kann ich das lieben!
Ich denke manchmal sehr bedrückt:
Wär ich doch bloß im Sarg geblieben.
Oh ja, mein dunkler Bruder hat
mich wohl zur Unzeit aufgeweckt.
elbst mit dem Willen zur Versöhnung 
weiß ich noch nicht, was in mir steckt.
Wie soll ich meine Welt denn lieben,
wenn ich sie mir bei Licht betrachte?
Wie soll mein Lebenswerk ich lieben, 
das nichts als Krieg und Unheil brachte?

Wie soll ich meinen Nächsten lieben, 
hört der mir nicht im Kleinsten zu?
Es sind die Hände mir gebunden
bei allem, allem – was ich tu.
Ich möchte ja, wenn ich es könnte,
die schlechte Welt zum Guten kehren.
Doch keiner will mich anerkennen,
und gar niemand will auf mich hören:
„Ich weiß, wie schnell man irren kann!
Nehmt endlich doch mal Lehre an!“
Doch ach, ich rufe in den Wind!
Wie ist die Welt doch schlecht und blind.

weiter gehts mit Numero 4

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