Im Theater 2. Akt

Zweiter Akt: Hohes Gericht

Ich schau eine Urteilsverkündung mir an.
Verurteilt wird ein schrecklicher Mann.
Ein Kinderschänder, zwei Meter groß,
ein Hüne, ganz ohne menschliche Züge.
Hässlich, schmutzig und skrupellos.
Gewalttätig, gierig, völlig ohne Gefühle.

Von den Anklägern wird er scharf attackiert:
Viele Elfen er ins Verderben führt.
Er missbraucht sie, tötet sie und wirft sie weg.
Er braucht dazu nicht mal ein sicheres Versteck.
Denn Elfen sind nun mal hierzulande
im Allgemeinen ganz unsichtbar.
Die Frauen aber, die lässt er laufen,
die leben als Tote noch viele Jahr.
Genau so treibt er´s mit kleinen Rittern.
Sein Kerbholz muss wirklich jeden erschüttern.
So gehört dieser Mensch ganz hart bestraft,
weil er unermessliches Leid erschafft.

Seine Verteidiger werfen ein,
er würde absolut unschuldig sein,
besäße er doch keinen Ritter mehr.
Diesen Ritter hätt´ man ihm als Kind genommen,
so wär auf die schiefe Bahn er gekommen.
Handelt er nicht aus innerem Antrieb heraus,
so macht seine Schuld auch gar nicht viel aus.
Mildernde Umstände er darum verdiene,
denn nicht er handelt, sondern eine Maschine.
Und eine Maschine ist nicht zu bestrafen,
also muss man den Ärmsten laufen lassen.

Der Angeklagte kommt noch mal zu Wort.
Er zieht eine Maske über´s Gesicht,
jetzt wirkt er wie´s Bübchen von nebenan,
und so groß, wie er wirklich ist, scheint er nicht.
Ein junger Mann von schöner Gestalt
und guten Manieren, das lässt keinen kalt.

Das Gericht ist beeindruckt, das Publikum weint,
weil der arme Mann jetzt als Opfer erscheint.
Der Missbrauch ist auch kaum nachzuweisen.
Die Elfen sind freiwillig zu ihm gekommen,
er hat sie nur liebevoll zu sich genommen.


Er verweist auf einige Frauen im Saal:
„Fragen sie doch diese Damen einmal.
Sie kamen alle freiwillig zu mir,
und unversehrt sitzen sie alle noch hier.“

Tatsächlich, wie Puppen in einer Reihe,
sitzen dort seine Opfer unversehrt.
Keine leidet, allen geht´s gut –
hat man hier je was von Missbrauch gehört?

Und auf die Frage des Hohen Gerichtes,
ob der Mann ihre Elfen zerstöret hätte,
lachen sie und bestätigen schnell,
dass ihnen nie eine Elfe gehöret hätte.

Ich dachte, das ist mir so bekannt:
Auch ich hatte nie was mit Elfen im Sinn!
Bis mir mein Engel überzeugend erklärte,
dass ich selbst so eine Elfe bin.
Noch nicht ganz fertig, noch tief in mir drin,
aber ich bin eine, immerhin.

Das war meine Frage, ob Elfen sterben.
Hier saßen welche, in einer Reihe.
Zu Frauen zu werden, ist ihnen gelungen,
verdrängt waren der Elfen Todesschreie.

Nach außen sahen sie blendend aus.
Doch ob sie jemals zu Taschen würden?
Weil sie nichts mehr zum Beschützen haben,
beladen sie sich nie mit anderer Bürden.
Ihre Körper sind frisch, ihre Wangen sind rot.
Doch die Herzen sind leer, denn die Elfen sind tot.

Da sah ich mich im Gerichtssaal um,
überall saßen auch Tote herum.
Zwischen den Lebenden, kaum zu erkennen,
doch ich konnte Tote von Lebenden trennen.
Oh ja, wenn einen ein Engel berührt,
dann erkennt man erst später, wohin das führt.

So nützten den Leuten die Masken nichts,
jetzt sah ich die Hohlheit des Hohen Gerichts.
Zwischen die Lebenden, froh und munter,
mischten sich ein Viertel Tote drunter.

Der Angeklagte nahm wieder Platz,
und zog wieder die Maske sich vom Gesicht.
Jetzt wurde er wieder der schreckliche Dämon,
der unentwegt Ritter und Elfen zerbricht.

Er witterte schon wieder Oberwasser,
vor diesem Gericht würd´ ihm nichts geschehen.
Keiner würde die schrecklichen Dinge
hinter den Masken wirklich verstehen.

Ich aber sah ihm direkt ins Gehirn,
er fasste schon wieder einen teuflischen Plan:
Alleine mit seiner dämonischen Macht
lockt er willenlos schlafende Elfen an.
Er ist so riesig, füllt fast diesen Saal,
ihn anzuschauen, ist eine Qual.
Er ist hochgefährlich, stelle ich fest,
unfassbar, wenn man ihm Freiheit lässt.

Jetzt rollt er … keiner sieht´s außer mir:
Er rollt einen tiefblauen Teppich zur Tür.
Wie eine Schlange lässt er ihn fließen,
von der Tür direkt zu den eigenen Füßen.
Seine Hand bewegt sich, er blickt gespannt,
doch der Richter Gerede interessiert nur am Rand,
denn jetzt läuft alles, so sieht es aus,
auf einen lupenreinen Freispruch hinaus.

Und während vorn das Gericht noch tagt,
da öffnet die Tür sich ganz leis und verzagt.
In weißen Strümpfen, ganz schmal und klein
tritt ein halbwüchsiges Mädchen herein,
die Augen geschlossen, als würde sie schlafen,
wie ferngesteuert läuft sie über´s Band.
Bewusstlos ist sie, ganz ohne Willen –
so läuft sie direkt in des Mörders Hand.

Natürlich sieht´s kein anderer – außer mir –
sie scheint sich zu sträuben, doch kann nichts tun.
Als würde die teuflische Macht des Mörders
als grimmige Faust ihr im Nacken ruhen.
Ich kenne das Mädchen und kenne ihr Kleid,
altrosa, aus kräftigem, derben Leinen,
das Blüschen darunter, aus gelblichem Nessel,
ließ ein Bändchen aus dunklem Samt durchscheinen.

Die Ärmel waren doppelt nach innen geschlagen,
dies Festkleid ward Sommer wie Winter getragen.
Die blaue Halbschürze kannte ich auch,
das war, als ich Elfe war, eben so Brauch.

Ich kannte das Mädchen und fasste es nicht:
Das kleine Mädchen, das war einmal ich.
All diese Sachen besaß ich einmal.
Die dünnen Waden, die Füße schmal,
die blonden Haare mit Mittelscheitel.
Am Schürzenband ein bestickter Beutel
für all die niedlichen Habseligkeiten,
die kleinen Mädchen viel Freude bereiten.

Nur weiße Strümpfe besaß ich nie
und auch keinen Reifen um meine Stirn.
Dieses Mädchen trug einen goldenen Reif,
der schien zu versiegeln Herz und Hirn.

„Spring runter!“,  ruf ich, „Dann hast du´s geschafft!
Doch sie hört mich nicht! Sie ist willenlos
und der Mörder lockt sie mit magischer Kraft.
Ganz langsam setzt sie Fuß vor Fuß,
als ob sie im Schlaf balancieren muss.

Im Gerichtssaal sieht keiner, was eben geschieht,
vorn geht es um Strafmaß und Inhaftierung.
Hier sitzt der Mörder, als geht’s ihn nichts an
und plant schon die nächste Elfenverführung.

Schon streckt er ihr offen die Hand entgegen,
gleich wird sie ihr Händchen in seine legen.
Ich schaue mir ihre Hände an,
viel zarter sind sie, als meine je waren.
Meine Elfe wurde zur Unzeit geweckt,
nun muss sie Schmerzen und Tod erfahren.

Aber nicht mit mir! Denn ich bin hier!
Und ich habe – zum Kuckuck – einen Propeller!
Also bin ich stärker, geschickter und schneller.
Ich zerschneide förmlich das elende Band
auf einen Ruck – nur mit meiner Hand.
Ich schaue dem Schänder direkt ins Gesicht,
mein kleines Elfchen jedoch ist entwischt.

Er grinst mich an und zeigt keine Blöße.
Oh, ist der mächtig! Oh, ist der böse!
Er grast wohl rundum die Leute ab,
ob einer noch Ritter und Elfe hat.
Und findet er eine, wie eben bei mir,
nimmt er sie gnadenlos ins Visier!

Doch auch ich bin mächtig, ich werd´s ihm zeigen!
Nie wieder darf er sich zu so was versteigen!
Und sperrt ihn das Hohe Gericht nicht ein,
dann werde ich selber sein Richter sein!
Wir starren uns lange in die Augen.
Dieser Teufel muss auf der Strecke bleiben.
Er darf nie wieder sein Unwesen treiben.
Noch hoffe ich, er wird inhaftiert,
dass nie wieder er eine Elfe verführt.


Jetzt ist er wieder der junge Mann,
der gar kein Wässerchen trüben kann.
Er lümmelt schief, grinst frech zu den Leuten,
der ganze Prozess scheint ihm nichts zu bedeuten.
Jetzt müssen sich alle im Saal erheben,
es wird ein gerechtes Urteil geben.

Und wie ist´s gelaufen? Was war geschehen?
Muss so einer wohl hinter Gitter gehen?
Ich hatte den Braten schon gerochen:
Der Kinderschänder ward freigesprochen.
Dazu wird er, ich konnt´ es kaum fassen,
noch heute aus seiner U-Haft entlassen.

Ich erhob lauthals Einspruch vor dem Gericht:
„Freigesprochen? Das geht doch nicht!“

Die Schöffen schauten nur tumb mich an:
„Das ist doch so ein sympathischer Mann.
Ihm ist kein Verbrechen nachzuweisen.“

„Er wird euch das Herz aus dem Leibe reißen!“

Doch das hohe Gericht verstand mich nicht.

Und plötzlich wurde mir einiges klar:
Dass dieses hier Teil des Spielplanes war.
Das Gericht, die Schöffen, das Publikum –
alle tänzelten nur als Nebendarsteller
um die beiden Hauptdarsteller herum.

Die Hauptrollen spielten der Hüne und ich.
Hier ging es wahrhaftig um Tod oder Leben.
Einer muss auf der Strecke bleiben,
eher wird´s keine Ruhe geben.

Ich wusste genau, was wieder geschieht,
wenn er wieder frei durch die Lande zieht!
Denn ich habe sein wahres Gesicht gesehen!
Die Haare jedem zu Berge stehen!
Er schläfert sich jede Elfe ein!
Kleine Ritter frisst er wie Kekse rein!
Keine Seele wird je vor ihm sicher sein!

Mein Einspruch nützt nichts,
mein Rufen, mein Bitten,
die Richter sind steif aus dem Saal geschritten,
das Publikum drängt sich hinaus auf den Flur.
Sie sehen nichts von seiner wahren Natur.
Sie wollen´s auch nicht! Ich kann es nicht fassen!

Das Gericht hat den Satan freigelassen!

Triumphierend geht er an mir vorbei,
höchst aggressiv, wie ein Vogel so frei.
Provozierend, siegreich, stolz wie ein Pfau.
Ich habe ihm sein nächstes Opfer entrissen,
jetzt rächt er sich grausam, das weiß ich genau.

Die Toten im Saale, die kümmern ihn nicht.
Die Lebenden schlafen mit wachem Gesicht.
Deren Elfen und Ritter laufen nicht weg,
denn noch hat kein Engel sie aufgeschreckt.
Die kann er sich alle für später aufheben,
in schlechter Zeit muss er auch von was leben.

Aber meine Elfe, die hat ihm gefallen.
Die muss er sich holen, die wird er sich krallen.
Er wird sie quälen, nicht auszumalen.
Er wird sie töten und wird es genießen.
Gern sähe er mich selbst unter seinen Füßen.
Er weiß, wenn er mir meine Elfe nimmt,
tötet er mich damit. Und das stimmt.

Glaubt mir, ich habe die Toten gesehen,
schreckliche Masken, Leben vortäuschend.
Seelenlos, kraftlos durch´s Dasein streichend.
So ist es nur eine Frage der Zeit:
Wann sind auch sie zum Töten bereit?
Wann gehen auch sie auf Seelenjagd,
weil sie schrecklich bohrend der Hunger plagt?

Und die Schläfer? Kommen mir vor wie Karpfen.
Als ob sie schon im Fischkasten wären.
Bereits gefangen, noch etwas wässern –
und je nach Bedarf allmählich verzehren.
Die sind dermaßen narkotisiert und träg,
die laufen dem Seelenfresser nicht weg.

Ich wollte nie töten. Stets wollte ich lieben,
mich mit heiterem Anstand durchs Leben schieben,
meist wollte ich meine Ruhe haben,
mich emotionslos in Job und Familie begraben.

Jetzt bin ich hier und kann nicht mehr wählen.
Ich muss ihn töten, oder er wird
meine Elfe und mich – zu Tode quälen.
Noch hoffe ich, dass ein Wunder geschieht
und den Satan aus dem Verkehr man zieht.

Ich bin verzweifelt: Was soll ich machen?
Meine Elfe kann ich nicht immer bewachen.
Ich weiß doch nie, was sie tut, wo sie ist.
Bis gestern wusst´ ich nicht, dass es sie gibt.
Jetzt ist sie eine Puppe in seiner Hand?
Die er gierig in seinen Rachen schiebt? 

Wie ist sie in die Fänge des Teufels geraten?
Wie ist sie auf seinen Teppich gekommen?
Warum wollte er´s vor meinen Augen tun?
Hat er mich selbst ins Visier genommen?

Er kämpft als Teufel mit schwarzer Magie,
und dagegen komme ich wirklich nicht an.
Ich kämpfe allein mit den Waffen der Liebe,
als Einziges, womit ich siegen kann.

Ich darf seinen Aufbruch jetzt nicht verpassen,
muss ihn beobachten – clever und kalt.
Schon wird unter Beifall der Satan entlassen,
ein Bus bringt ihn raus aus der Haftanstalt.
Noch immer ist er der junge Mann,
der keinem ein Härchen krümmen kann.

Ich hänge mich buchstäblich an ihn dran,
rutsch auf den Platz direkt hinter ihm,
denn er darf mir keinesfalls entfliehen,
bin wie eine Klette und lass´ ihn nicht los.
Er weiß: Ich da bin, meine Elfe zu schützen.
Aber mein Kampf amüsiert ihn bloß.
Ich bin wohl für ihn nur ´ne lästige Fliege.
Bettelnde Opfer kennt er zur Genüge.

Im Bus sitzen Menschen, hier einer und da.
Vielleicht stehen sie mir bei, den Teufel zu fassen
und ihn nicht völlig entkommen zu lassen.
Doch sind´s Tote und Schläfer, das weiß ich ja.

Ich rufe zum Fahrer: „Kehren Sie um!“
Ich rufe den Engel, doch der bleibt stumm.
Ich bete, dass sich das Blatt noch wende,
noch fährt der Bus durch´s Gefängnisgelände.
Kann denn nicht einmal ein Wunder geschehen?

Schon ist das äußere Tor zu sehen,
da verfängt sich der Bus plötzlich in einem Netz,
von oben geworfen und bleibt auch gleich stehen.
Ich atme auf. Ein Stein rollt vom Herzen!
Jetzt ist doch noch ein Wunder geschehen.
Das war´s. Das habe ich so gewollt!
Jetzt wird der Teufel zurück geholt.
Jetzt wird er gleich aus dem Bus gezerrt,
Wird wieder gefangen und eingesperrt.
Ein Sieg für Recht und Gerechtigkeit.
Jetzt sind wir sicher für lange Zeit.

Zwei Polizisten kontrollieren den Bus,
erst dann öffnet sich das letzte Tor.
Erleichtert wende ich mich an die Männer:
„Na endlich! Fesseln Sie diesen Mann
und sperren sie ihn ein! Er hat Schreckliches vor!
Sperren Sie um Himmels Willen ihn ein!
Was er anrichtet, wird ganz entsetzlich sein.
Ihn laufen zu lassen, wird die Welt nicht verzeihen.“

Doch die Polizisten, Schläfer, wie´s scheint,
gehen nicht auf mein Flehen ein.
Sie prüfen die Papiere von vorne und hinten:
„Wir können an diesen Papieren nichts finden.
Was sollte da auszusetzen sein?
Der Mann ist entlassen, da gibt’s keinen Zweifel.“

Ich flehe sie an: „Er ist ein Teufel!“

Die Polizisten sind ratlos: „Die Frau greift sie an?“
Der junge Mann wendet leicht seinen Kopf:
„Ihr geht´s nicht sehr gut. Ist schon recht getan.“

Später zischt er herausfordernd mir ins Gesicht:
„Willst du stänkern, Schlampe? Das mag ich nicht.“

Ich werde nie diesen Blick vergessen.
so siegesgewiss, so machtbesessen.
So unendlich böse, kalt und gemein.
Oh Himmel, worauf lasse ich mich ein.
Der Bus fuhr hinaus auf´s freie Land
und die harmlose Biedermannmaske verschwand.

Er räkelte sich und wurde zum Hünen,
wie morgens schon bei seinem Prozess.
Ein Zweimeterproll der gräßlichsten Sorte,
so dass ich den Anblick wohl niemals vergess´.


Die Wandlung vollzog sich schnell und direkt.
Wer dieses nur sieht, ist zu Tode erschreckt.
Und ich war ganz alleine mit ihm.
Die andern waren tot oder schauten nicht hin.
Er dreht sich um und flüstert mir zu:
„Erst kommt deine Elfe und dann kommst du.“

Nach Sekunden dreht er sich noch einmal um:
„Denkst du jetzt, dass ich Ritter nicht leiden kann?
Also, erst deine Elfe, dann Söhne und Mann.
Alles vor deinen Augen und du schaust es an.
Dann, Täubchen, bist du als letzte dran.“

Er hätte es gar nicht sagen müssen.
Ich wusste es ohnehin, so oder so.
Jetzt muss ich kämpfen mit allen Kräften.
Die letzte Schlacht, das große KO.

Ich rief zu Gott und sämtlichen Engeln,
in diesem Kampfe mir beizustehen.
Und haarscharf eröffnete sich mein Plan.
Genauso mach ich´s. Nur so kann es gehen.

Mir wurde nicht kalt. Ich war plötzlich kalt:
vernünftig, logisch, eine Maschine.
Jetzt war´s Zeit zu handeln mit Mut und Routine.
Bisher stand Satan noch unter Aufsicht.
Pro forma wurde das Recht noch gewahrt.
Doch jetzt, frei von Gesetz und Kontrolle,
hatte er erdenweit freie Fahrt.
Jetzt konnte er schrankenlos alle Welt
und jeden Menschen ins Verderben ziehen.
Er musste sich nicht mal um Lügen und Schöntun
und um die kleinste Verschleierung mühen. 

Es käme zu Blutbädern ohnegleichen,
kein Mund wär mehr rot,
kein Halm wär mehr grün.
Er würde die unschuldig-kleinen Seelen
aus den letzten der armen Menschen ziehen.

Jetzt werde ich kämpfen in meinen Masken
als ´ältere Einkaufstasche´ und  – als ´Frau´.
Es wird möglicherweise mein letzter Kampf.
Aber ich bin beschützt, das weiß ich genau.

Ich konzentrier´ mich auf meinen Propeller,
rufe alle himmlischen Kräfte herbei.
Ich darf nicht scheitern, es muss gelingen.
Der Satan muss stürzen, dann sind wir frei.
Zuletzt bitt´ ich Gott aus tiefstem Herzen,
dass er mir göttliche Kräfte verleih´.

Er scheint zu dösen im Sitz vor mir.
aber ich weiß: Das Böse schläft nie.
Mutig muss ich jetzt zum Angriff gehen,
sonst werd´ ich mein Elfchen nie wiedersehen.
Also jetzt los, genau nach Plan.
In die Hölle mit ihm. Packe ich´s an!

Ich schlinge die Arme um seinen Hals,
fest geschlossen wie Taschenhenkel:
„Lass für immer meine Elfe in Ruh!
Sonst bring ich dich um, du Scheusal, du …!“

Ihn scheint es etwas zu amüsieren:
“Weißt du, ich mag solches Weibergeplänkel.
Ich bin Spezialist für Fesselspiele,
ich kenn´ der Raffinessen unzählig viele.
Geduld, mein Täubchen, ich zeig sie dir bald.
Und denke dran, mich macht keiner kalt.
Das geht gar nicht Täubchen,
das kann´s gar nicht geben.
Ich besitze nämlich das ewige Leben.

Zieh die Henkel doch zu, bloß mal zur Probe.
Meinst du, dass ich mich wehre und tobe?
Im Gegenteil, das macht mich erst an,
weil ich dann richtig scharf werden kann.
Jeder Anschlag, Täubchen, macht mich nur stärker,
phantasievoller – ja und ein klein bisschen ärger.“

Ich flüstre ihm von hinten ins Ohr:
„Darf ich dir auch eine Nadel anbieten?“

„Na immer, Täubchen! Das macht mich zufrieden.
Überlege dir auch, was hinterher kommt.“

„Hinterher, Bösewicht, wirst du tanzen.“

„Zu Befehl, mein Liebchen! Mache ich prompt.
Und was kommt dann? Als Krönung des Ganzen?“

„Dann werd´ ich mit dir in die Hölle fliegen,
untrennbar fest, auf deinem Rücken!“

„Oh!“, stöhnt er,  „Ich sterbe fast vor Entzücken.
Du – mit mir in die Hölle fliegen?
Auch noch freiwillig?
Du willst mich betrügen.“

„Ja, selbstverständlich. Was denkst denn du? 
Ich werde dich ständig jetzt attackieren,
außer, du lässt meine Elfe in Ruh.“

„Ich entscheide stets selber, was ich tu.“
 
Ich hab noch die Arme um seinen Hals:
was ihm sicher nicht allzu häufig passiert,
weil ja keiner freiwillig den Teufel berührt.

„Nimmst du diese Herausforderung an?
Nadel und mich?  Oder Tod und nichts?
Ich weiß es, Teufel, du fürchtest dich.
Du fürchtest dich vor einem Nadelstich.“

„Hast du überhaupt eine Nadel dabei?“

„Was denkst denn du, ich hab sogar zwei.“

„Zeige sie mir!“, herrscht er mich an.
Er fürchtet, dass ich ihm was aufhängen kann.
„Man weiß ja nie, Gift oder so?“

„Du Witzbold, trinkst doch sonst aus dem Klo.
Ein Kübel Gift richtet nichts bei dir an.“

„Ich weiß nicht, ob ich dir trauen kann.
Was hast du für einen Trick dabei?
Du weißt doch ganz genau, wer ich bin.
Willst du gar mit dem Teufel speisen?
Du weißt, dazu braucht´s einen langen Löffel!

Sonst bist du bald Höllenkönigin.“

Ich nehme all meinen Mut zusammen:
„Satan, ich will dir die Elfen entreißen.
Die Ritter natürlich auch alle mit.
Das mache ich alles mit einem Schnitt.“

Er fängt an zu lachen, verschluckt sich beinahe.
„Mein Täubchen, das haben schon viele versucht.
Sie lagern alle in meinen Gemächern,
und jeder hat schnell seine Pläne verflucht.“

„Lehnst du nun ab oder nimmst du an?
Rede, damit ich mich einrichten kann.“

„Ich weiß es, du willst dein Elfchen retten
und deine schmackhaften Ritterlein.
Doch merke: Wenn du das Spiel verlierst,
rücken die allesamt mit dir ein.“

„Keine Sorge, ich werde den Kampf gewinnen.
Mit einer Stecknadel reiß ich dich auf.
Ich zerstöre dir dein Imperium.“

Er knurrt gelangweilt: „Ich freue mich drauf.“

Er prüft die Nadeln und leckt sie ab,
gibt mir eine einzige dann zurück:
„Zeige mir erst einmal, ob du es kannst –
und außerdem, bisschen klein, das Stück.“

Ich frage ihn noch, wie er´s gerne hätte,
von wegen reizbarer Zonen und so.
Komme ja nur an den Nackenbereich.

Doch sagt er geduldig: „Das geht schon so.
Ich fürchte, mein Ruf geht allmählich flöten.
Mit einer Nadel den Teufel töten.
Da kannst du mich gleich um Hinrichtung bitten.“

Aber ich bin inzwischen zur Tat geschritten.

Ein paar Nadeln sollte Frau immer dabei haben 😉

„So geht´s. Immer schön in die Mitte.“, sagt er.
„Verstehst du Täubchen? Da fühle ich mehr.“

„Das wird aber jetzt ein bisschen pieksen.
Will ja die Sache auch ordentlich machen.“
„Stich nur zu Mädel! Ich halte schon still,
da kenne ich doch ganz andere Sachen.“

Erst kam mit der Nadel ich auf den Knochen,
da wäre sie beinahe abgebrochen.
„Entschuldigung.“, sagte ich, „Bleibe stark.“
Dann jagte ich sie ihm ins Rückenmark.
Das sollte gar nicht so einfach sein,
der Glasknubbel musste ja auch mit rein.

Er stöhnte vor Schmerz, aber wollte nicht klagen,
wollt´ mich doch auf dem Rücken zur Hölle tragen,
mit meiner ganzen Familie im Schlepp.
Doch daraus wird nichts, du teuflischer Depp!

Ich schlang ihm die Arme erneut um den Hals,
sprich: Die Henkel der ´älteren Einkaufstasche´,
diese könnt´ ich entbehren allenfalls.
Aber ich, die Frau, zog geschickt die Fäden,
dass dies elende Scheusal ich endlich erhasche.

„Und jetzt geht´s ans Tanzen ohne Rast und Ruh!
Bis hinab in die Hölle. Und alle schauen zu.
Das dient deinem Ansehen, das solltest du wissen.
Endlich hast du das Weib in den Abgrund gerissen!“

Nun war´s endlich soweit und die höchste Zeit!
Ich habe an meinen Propeller gedacht
und damit die Nadel zum Drehen gebracht.

Erst langsam. Da stöhnte er: „Oh, ist das geil.“
Doch sehr schnell kam es zum Gegenteil.
Da brüllte er auf wie ein röhrender Hirsch,
sprang hoch vom Sitz, sein Kopf fuhr durch´s Dach.
Oh, dacht´ ich, jetzt macht der die Leute noch wach.
Er quetscht sich zum Gang, will alles zerreißen, 
ob aus Lust oder Schmerz, ist nicht mehr zu beweisen.

Ich hänge ihm immer noch um den Hals,
meine ´ältere Handtasche´ jedenfalls,
denn ich hatte diese völlig verlassen.
Ich lass mir vom Teufel doch keine verpassen.

Er beginnt, das Gepäck aus den Netzen zu fegen.
Der wird jetzt den ganzen Bus zerlegen.
Per Handstrich wischt er fünf Sitzreihen weg,
auch das bringt ihm nichts, es hat keinen Zweck.
Da saß eh bloß ein Toter, und der bleibt auch dort,
sitzt auch ohne Sitz noch am gleichen Ort.

Der Teufel weiß, wem er´s zu danken hat:
der Frau, die ihm hängt über´m Schulterblatt.
Er versucht wie ein Tier, sie herunter zu reißen
und will sie in seine Klauen bringen.
Von innen zerfetzt ihn die winzige Nadel 
und nichts und niemand kann sie bezwingen.
Die Henkel der Tasche ziehen sich fester,
oh ja, meine Tasche gehorcht mir perfekt.
Und mit letzter Kraft röhrt er hoch zum Himmel:
„Verflucht sei, was mir im Leibe steckt!“

Ich hab mich nach hinten zurück gezogen,
er sieht mich nicht, er sieht nur die Tasche.
Und noch ist Satan nicht kampfunfähig,
entsetzlich, wenn er mich jetzt noch erhasche!
Er reißt an der Tasche mit verkrallten Händen:
Ist dieses Weib aber ein sauzähes Stück.
Er torkelt hin und er taumelt her,
die Tasche hält und die Nadel piekt.
Jetzt ist bei ihm die Verblüffung groß.
Er wird einfach nicht dieses Weibsbild los.

Doch eines muss man dem Berserker lassen:
Sein Rundumschlag hat im Bus Platz geschaffen.
Er röhrt noch mal hoch, mächtig wie der King Kong.
Trommelt sich auf die Brust – und dann macht es ´Bong.´

Da liegt der Hüne, fünf Sitzreihen lang,
seine Pranken er um die ´Frau Tasche´ schlang.
Er würgt sie und quetscht sie immer noch.
Er zuckt? Nein, er tanzt! Ja, das sieht man doch.
Warte, Freundchen, gleich geht es für immer in´s Loch.

Soll er mit dem Bus doch zur Hölle fahren,
aber ich konnte mein Elfchen bewahren.
So hab ich dem Teufel das Rückgrat gebrochen,
ihn auf eigenen Wunsch mit der Nadel gestochen,
sie dann hochgefahren auf zehntausend Volt,
was ein Teufel ja eigentlich aushalten sollt´.

Aber – die Nadel sollte ja wandern!
Hin- und herschießen sollt´ sie von Kopf bis Zeh.
Der Teufel hat förmlich gelechzt nach dem Kick,
also tu es ihm – bitt schön – auch überall weh.
Also musste der Glasknubbel auch mit rein.
So wurde zuerst sein Rückgrat gelöchert,
schon konnte er nicht mehr mächtig sein.

Ihm das Rückgrat brechen! Die Kräfte blockieren!
Bis er vernünftig wird, mög sie rotieren.
Jetzt ist er ein Zollstock. Nicht übertrieben.
Wirkt groß, doch lässt sich zusammenschieben.

Von alleine kriegt er sich gar nicht mehr hoch.
Kann niemals mehr Elfen und Ritter jagen.
Das hat er nun von seinem schlechten Betragen.
Er wurde von einer Frau betrogen.
Warum war er auch immer so ungezogen!

Nun lag dort der Böse, flachgelegt,
aber es hat sich noch Leben in ihm geregt.
Er war doch schließlich seit viel tausend Jahren
als Seelenfänger umhergezogen
und hat ganz unzählig viele Leute
um ihre Elfen und Ritter betrogen.‘

Diese Kleinen mussten ja irgendwo sein.
Er musste sie irgendwo doch verstecken.
So fiel mir ein, meinen lieben Propeller
doch mal auf Erkundungreise zu schicken.
Und er möge doch bitte so liebenswert sein,
und sämtliche kleine Seelchen befreien.

Jetzt ging die Party erst richtig los.
Der Teufel ward noch mal dick und groß,
richtig stinkig ward er und unmäßig breit,
hat die Nadel doch nun alle Opfer befreit.
Oh, wie ihn das Ritter- und Elfenvolk plagt!
Kurz: Chaostage waren angesagt.

Das kleine Volk musste sich erst einmal rächen
und den Kerkermeister gründlich verdreschen.
Das kriegten sie aber nach kurzer Zeit über.
Jetzt endlich – nach Hause! Das ist uns lieber.

Also suchte das kleine Volk kurz darauf
seine echten menschlichen Wirtsleute auf.
Das war ein Jubel und ein Trara!
Die verlorenen Seelchen sind wieder da!
Nun konnten die Toten sich wieder beleben,
den Hintern wieder vom Sitz erheben.
Auch die Schläfer sind alle aufgewacht.
„Uns wollte man fressen!?“, hat jeder gedacht.
Sie wussten gleich wieder, wo sie waren:
in Teufels Fischkasten, fett wie die Karpfen.

Und jetzt erst konnte man wirklich feiern!
Die Freude endet nicht Tag und Nacht.
Der Freudentanz wurde stets leichter und schneller,
denn jeder Mensch hatte jetzt seinen Propeller.
Keiner konnte mehr schnell erschlaffen.
Als wären wir wegen der Freude erschaffen!

Doch des Teufels Satz ging mir nicht aus dem Sinn:
„Du weißt es, dass ich unsterblich bin.“
Also schlich ich nochmals zum Schlachtfeld hin.
Es darf mir mein Sieg nie wieder entgleiten.
Meine kleine Welt soll nie wieder leiden.
Rappelt er sich schon wieder hoch?
Hat er noch irgendwelche Reserven?
Lockt er sich schon wieder Elfen an?
Will sich wieder auf kleine Ritter werfen?

Kurzum, nach einigen wenigen Stunden,
hab ich statt des Fürsten der Finsternis
einen alten Schlappsack im Bus vorgefunden.
Er war ganz alleine, wenn´s mich nicht täuscht.
Fahrer und Fahrgäste waren entfleucht.

Er hatte im Bus sich´s bequem gemacht,
die restlichen Sitze noch raus gekracht.
Als Kavalier der ganz alten Schule
braucht´ er zum Tanzen ein glattes Parkett,
wobei doch ein Sitz nur gestöret hätt´.
Den Fahrersitz hat er aber behalten,
Armaturen und Lenkrad sind auch noch drin.
Ich hoffe oder ich fürchte sogar,
er wird eines Tages mal weiterziehen.

Nun, ganz weit hinten sind noch paar Sitze.
So ein Schlawiner: Ich konnt´ es nicht fassen.
Die hintere Sitzbank hat er gelassen.
Dort trägt er wohl dann seine Tasche hin,
hat er mal was anderes als Tanzen im Sinn.
Aber vorläufig wirkt seine eigener Beschluss,
dass er ´mich´ auf ewig nun tragen muss.

Ich will noch schnell das Getanze beschreiben,
ehrlich, das ging mir so auf die Ketten.
Ich hing als Frau Tasche ihm auf den Schultern,
er wollte an seiner Brust mich betten.
So gewinnt er erstens zur Tasche Vertrauen,
zweitens will er der Tasche ins Auge schauen.
Und auf eines konnte ich sicher zählen:
Der Besiegte will ewig die Siegerin quälen.
Auch regt es den Teufel ganz sicher an,
wenn er seine Tänzerin schleudern kann,
auch beugen und reißen, würgen und werfen,
dies wird seine Hassliebe maßlos verschärfen.

Jetzt häng ´ich´ ihm vorne bis runter zum Bauch,
er schlenkert mich, dreht mich und knutscht mich auch.
Dieses Feuer! Der Rhythmus! Oh Mann, oh Mann!
Der ganze Bus fängt zu schaukeln an.
Er tanzt wie ein Teufel, erregt wie ein Tier.
Frau Tasche hat´s gut bei ihm, denke ich mir.
Meine hässliche Tasche, ganz ohne Frage,
ist bestens versorgt auf die alten Tage.
Eine fixe Idee wie ein Blitz mich durchrauscht:
Hätte ich besser doch mit der Tasche getauscht?

Aber, ganz Teufel, kommt´s ihm den Sinn:
Was ist in der hübschen Tasche denn drin?
Jetzt sucht er drin rum. Oh, tief muss er graben,
er will ja bloß wieder die Seele haben.
Doch das ist keine mehr, da ist alles nur Müll,
den selbst er mir untergejubelt hat.
Ich beobachte ihn durchs Fenster ganz still:
Das ist nun dein klägliches Resultat.

weiter Teil 3

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