Im Theater 1. Akt

Elfenwecken

Ich war im Theater.
Das Stück hieß ´ICH WEISS NICHT´.
Ein modernes Stück. Drittes Jahrtausend.

Wandlung des Menschen durch Evolution:
Aufbruch, Befreiung als Zukunftsvision.
Es war wenig bekannt und handelte wohl
von irgend einem Freiheitsidol.

Ich habe kaum etwas mitbekommen.
Drei Reihen vor mir, am Rand, saß ein Mann,
der zog mich unheimlich in seinen Bann.
Ich kenne ihn, dachte ich versonnen.

Mittleres Alter, nicht eben schön.
Warum habe ich eigentlich hingesehen?
Kenn´ ich ihn wirklich? Ich weiß es nicht.
Aus diesem Leben jedenfalls nicht.
Aber irgendwoher kannte ich ihn.
Sah im Geist mein Leben vorüberziehen.
Ganz schnell, im Raster, Begebenheiten,
die kurz – tangierend – mein Leben begleiten.
Er passte in keines der Raster hinein.
Ganz sicher musst´ er ein Fremder sein.

Ich mühte mich, nicht mehr hinzuschauen,
da begann meine Nase, Brücken zu bauen.

Urplötzlich fiel ein Geruch mir ein,
ganz ohne Anlass, von ganz allein:

Teurer Wollstoff im Nieselregen.
Dunkles Tuch, Jahre im Schrank gewesen.
Wenig gelüftet, stets auf dem Bügel,
ein Junggeselle, von Mama betreut.
Ein wenig Motte, eine Spur von Moder.
Ein Dasein, leblos und doch nichts bereut.

Kleidung riecht meist nach seinem Besitzer.
Nur Wolle entwickelt ihr Eigenleben.
Diesen einmalig seltsamen Modergeruch
kann nur durchnässter Wollstoff abgeben.
Der Geruch, nicht eben angenehm,
lässt ein inneres Bild des Trägers entstehen:
ein düsteres Bild unerklärlicher Not.
Vornehmheit, Einsamkeit, Moder und Tod.

Ich konnte kaum noch bei der Sache sein,
denn inzwischen fiel mir anderes ein:
Grauer November,  Berufsverkehr,
ein Cafe am Busplatz, Taschen schwer.
Matsch auf den Straßen, Hektik in grau.
Ich sitz´ im Cafe, als gestandene Frau,
große, nervige Kinder daheim,
dazu einen nervigen, lauten Mann.
Ehrlich: So eine Frau spricht man nicht an,
weil jeder ihr Wesen erkennen kann.
Man sieht einer Frau kurz ins Gesicht:
Ist sie noch Elfe? Oder auch nicht?
Ich gehörte eindeutig, ´s wird nicht überraschen
zum Frauentyp ´ältere Einkaufstaschen´.
Ja, solche schrecklichen Frauen soll´s geben.
Doch die erhalten dies Land am Leben.

Ich trink also Tee und wärme mich auf.
Wart´ auf den Bus, schaue hinaus.
Cafe fast leer, will nur noch heim.
Kommt dieser Typ in Wolle herein.
Fragt, ob er neben mir Platz nehmen kann.
Ich grinse. So doof macht keiner mich an.

Automatisch kamen wir ins Gespräch
um Abfahrtszeiten und sonst allerlei.
Er erzählte mir, dass er am Stadttheater
seit kurzer Zeit erster Geiger sei.
Jetzt sah ich natürlich den komischen Mann
plötzlich mit anderen Augen an.
Wow! Ein Künstler der ersten Klasse
spricht mit älterer Einkaufstasche!

Ich schaute ihm näher ins Gesicht
und dachte: Irgend was stimmt da nicht.
Sein Teint war so bleich,
sein Gesicht irgendwie …
wenig harmonisch, zuviel Symmetrie.
Wie wächsern, maskenhaft, sonderbar glatt.
Ein Gesicht, das in sich kein Leben hat.

Noch schwarz, aber schüttern war sein Haar.
Und die Augen starrten ganz sonderbar,
pechschwarz, unergründlich, ganz ohne Licht.
Aber zum Fürchten waren sie nicht.
Von seinen Händen war ich enttäuscht:
Dass mit solch´ Pranken er Geige streicht?
Etwas weichlich und wächsern wirkten die schon.
Dem Mann fehlt´s an Sonne und Testosteron.

Jetzt wunderte mich nicht sein weißes Hemd,
der wollene Mantel, die schwarze Krawatte.
Er wollte bestimmt zum Theater fahren,
weil er dort seinen Auftritt hatte.

Dem Geiger war nicht mein Mustern entgangen.
Dass wir uns treffen, schlug er ernsthaft mir vor.
Doch ich wimmelte ab, ganz sicher und kalt,
ich hätte zuhause genug um´s Ohr.
Wer tritt schon gern einem Geiger vor´s Knie?
Die Musik und die Künstler, wir lieben sie.
Die Sinne schwelgen, die Herzen weinen,
weil sie uns wie himmlische Boten erscheinen.

Doch hier trafen sich weder Künstler mit Elfe,
hier trafen sich nicht einmal Mann und Frau,
sondern Geigenkasten mit Einkaufstasche.
Und das ist nur peinlich, das weiß ich genau.

„Ich komm ins Theater, sehr bald. Versprochen.
Ihr Geigenspiel lass ich mir nicht entgehen.“

Dann kam schon mein Bus, ich eilte hinaus
und wusste, ich würd´ ihn nie wiedersehen.
So habe ich gleich mein Versprechen gebrochen.

Doch zum ersten Mal hab ich festgestellt:
Es gibt neben Arbeit, Trott und Routine
woanders noch eine andere Welt.
Ein fremder Geruch hatte mich berührt
und mich ins Reich der Träume entführt.

Schöne Musik bringt mich um den Verstand,
aber ich konsumier´ sie aus zweiter Hand.
Vor dem Fernseher, kuschlig und sehr bequem,
lass ich mir´s wahre Leben entgehen.
Und Theater? Würd´ ich je Gelegenheit haben?
Ich bin doch tödlich im Alltag begraben.

Nur den Moderduft hab ich mit heim genommen,
und hab ihn gespeichert für alle Zeit.
Wenn ich jetzt feuchten Wollstoff rieche,
was wirklich nur äußerst selten geschieht,
erinnre ich mich der Begebenheit.

Teurer Wollstoff im Nieselregen.
Dunkles Tuch, Jahre im Schrank gewesen.
Wenig gelüftet, stets auf dem Bügel.
Ein Junggeselle, von Mama betreut.
Ein wenig Motte, eine Spur von Moder.
Ein Dasein, leblos und doch nichts bereut.

Ein Künstler, ein Geiger, ein Licht, ein Engel.
Geschäftsfrau, Mutter, drei dreckige Bengel.
Bedrückende Enge, für Kunst keinen Raum.
Ein wie Seifenblasen zerplatzter Traum.
Zwei Schicksale, die aufeinander prallen,
die sich kurz berühren, doch nicht gefallen.
Zufallsbegegnung zweier nützlicher Hüllen,
das absurde Leben mit Glanz zu füllen.

Noch ehe vor der Pause der Vorhang fiel,
war der Mann gegangen, saß nicht mehr da.
Doch in der Pause, im belebten Foyer,
ich unvermutet ihn wieder sah.

Er saß dort auf einer Bank an der Wand
und als ich an ihm vorübergeh´–
er vor meinen Augen plötzlich verschwand.
Er war einfach weg, ich konnt´ es nicht fassen,
aber er hat etwas liegen lassen.
Eine Maske lag da, in ziegelrot,
aus gebranntem Ton, qualvoll erstarrt,
die einen schrecklichen Anblick mir bot.
Warum hat dieser Fremde mich so genarrt?

Ich trat näher, die Maske mir anzusehen,
war wegen des Ausdrucks richtig schockiert,
doch panisch wurde ich, als diese Maske
vor meinen Augen die Form verliert.


Sie löst sich nicht auf, sondern wechselt die Farbe,
das kräftige Rot wird gelblich und hell,
jetzt scheint sie geschmeidiges Latex zu sein,
das gequälte Gesicht wird zur tückischen Fratze,
bedrohlich und böse, auch das gibt sich schnell.

Zuletzt lag die Maske fast weiß auf der Bank,
ausdruckslos, farblos, dünn und ganz leer.
Ich wollte und konnte den Blick nicht wenden,
als ob dieses hier meine Bühne wär.

Und wie ich schaue, beinahe von Sinnen,
dringt aus der Maske von ganz tief drinnen
ein roter Blutstropfen, winzig klein,
als würd´ was Lebendiges drinnen sein.
Ich stehe starr und nehme nicht wahr,
das im Saal längst die Vorstellung wieder beginnt.
Der Blutstropfen wächst auf der Unterlippe,
von der er allmählich herunter rinnt.


Ich fass mit dem Finger auf diesen Tropfen,
das ist unzweifelhaft frisches Blut.
Doch wo kommt es her? Die Maske ist leer.
Kein Trick ist dabei, das sehe ich gut.

Was wollen mir diese Masken sagen?
Dass unsere Verkleidung  nicht blutleer ist?
Dass unsere sämtliche Maskerade
eine bisschen Lebendigkeit nicht vermisst?
Verzweifelt mühte ich mich um Verstand,
als die Maske vor meinen Augen verschwand.

Ich komm wieder zu mir. Überall Licht.
Ein Operationssaal? Ich lieg´ auf ´nem Tisch.
Um mich herum sind große Gestalten,
schlank und fließend in Silber gehüllt.

Es sind keine Ärzte. Vielleicht sind es Engel,
denn der Raum ist von Freude und Liebe erfüllt.
Sie machen sich an meiner Stirn zu schaffen.
Obwohl sie nicht sprechen, fühl´ ich ihre Gedanken.
Ehrenhaft sind sie und voller Respekt.
Sie betrachten mich ´ältere Einkaufstasche´,
als ob auch in mir so ein Engel steckt.
Humorvoll sind sie, aber nicht verletzend.
Jetzt sind sie fertig mit meiner Stirn,
sie treten zur Seite und lächeln mir zu.
Ich hab so ein seltsames Brausen im Hirn.
Einer gibt mit ´nen Spiegel, es braust immer schneller:
Mitten auf meiner Stirn summt ein kleiner Propeller.

„Schon fertig!“, lacht  einer. „Nun halt´ dich gut fest.
Wir machen jetzt mal einen kleinen Test.“

Bevor ich noch protestieren kann,
fängt der Tisch sich schon zu verändern an,
er steigt immer höher, geht durch Decke und Wand,
wird schmal wie ein Brett wie von Zauberhand.
Ich krampf mich an´s Brett, wie ich das so seh´,
doch in rasendem Tempo steigt es in die Höh.
Es ist weder windig, noch ist es kalt,
doch ich habe Angst, bin nicht angeschnallt.

Auch fürchte ich, dass das Brett kippeln kann,
kaum gedacht, fängt es auch schon zu kippen an.
Zum Festklammern habe ich gar keine Chance,
ich rutsche, verliere sofort die Balance –
das ist jetzt das Ende, ich stürze ab.
War das ein Test, hab ich ihn nicht bestanden,
jetzt stürze ich tatsächlich in mein Grab.
Ich falle und falle, es hört nicht auf.
Dabei war ich oben in kürzester Frist.
Sie haben mir nicht gesagt, was ich tun soll!
Jetzt weiß ich, dass dies mein Ende ist.

Wenn ich doch wenigstens Flügel hätte,
um den endlosen Fall etwas zu dämpfen!
Dann könnte ich selbst die Richtung bestimmen
und irgendwie mich zur Seite kämpfen.
Der schreckliche Sturz wird immer schneller,
da fällt mir ein: Mein kleiner Propeller.
Und bevor ich den Gedanken zu Ende gedacht,
habe ich auch schon Halt gemacht.
Ich taumle ein wenig, kann frei mich bewegen,
doch im Leeren zu stehen, ist auch kein Segen.

Ich stoppte tatsächlich hoch über der Erde,
zwischen Himmel und Boden auf halber Höh´.
Ach, wenn ich erst wieder ganz unten wäre.
Und schon steh ich unten verblüfft im Foyer.

Vor mir steht ein Mann, seltsam maskiert,
es ist der Mann, drei Reihen vor mir:
Ich knurre ihn an, noch ganz deprimiert:
„Was wird denn eigentlich hier gespielt?“


„Ich weiß nicht.“, sagt er und lacht dabei.
„Das weiß ich auch.“ Und schon lachen wir zwei.

„Sie sind mir gar nicht so unbekannt.
Ihr hässlicher Wollgeruch hat Sie verraten.
Wollen Sie mal eine Frau aufreißen,
rat´ ich zu feineren Duftzutaten.
Der Wollmoderduft ist zwar originell,
weil selten. Und man erinnert sich schnell.
Aber er stößt wirklich jede ab.
Er erinnert an Kälte, an Nässe, an Grab,
an den mottenverpulverten Mamasohn,
und das ist jeder Frau eine Horrorvision.“

„Ich will doch in dir nicht die Frau aufreißen,
das liegt mir ganz fern, also hör doch mal zu …“

„Nein!“, sage ich, „Die Geschäftsfrau bescheißen,
trifft´s eher! – Und seit wann sind wir beim ´Du´?

„Hör zu, ich kenn dich schon endlos lange.
Ich bin ein innerer Teil von dir,
so was wie ein höherer Schutzbeauftragter,
so ein überirdischer Führungsoffizier.´
Du kannst mich auch einfach Schutzengel nennen.
Schön, nun lernst du mich auch mal kennen.“

„Wenn´s so ist, dann bin ich Lady Diana,
oder Claudia Schiffer oder was in der Art.
Hören wir jetzt auf mit dem Geschwafel!
Schade um meine Theaterfahrt.
Da komme ich extra hierher mit der Bahn,
geh´ zum Friseur, zieh´ mich fein an …“

„Alles nur, um dein Versprechen zu halten.
Ich wusste, du kommst, wenn auch nicht so bald.
Erinnerst du dich, vor Jahren am Busplatz?
Vor dreißig Jahren? Nass war´s und kalt?
Aber was sind schon dreißig Jahre!
Die Elfe in dir wird doch niemals alt.“

„Die Elfe? Schwachsinn, ich bin keine Elfe.
Ich hatte nie eine, werde nie eine haben.
Und wer keine hat, muss auch keine begraben.“

„Oh doch, jedes Mädchen hat eine Elfe.
Eine innere Elfe, ganz wunderschön.
Doch die zieht sich zurück,
wenn das Mädchen erst groß wird.
Sie verschwindet dann spurlos,
lässt sich niemals mehr sehen.“

„Darin, Herr Beauftragter, geb ich dir recht,
das ist für die Mädchen kein leichter Prozess.
Sie wollen Liebe und kriegen – Sex!“

„Sieh es positiv! Schau es nüchtern an.
Das Beste ist´s, was sie kriegen kann.
Das Beste für sie ist ein liebender Mann.
Die Elfenzeit ist so und so vorbei,
tut manches Mädel auch lange, als ob.
Aber die Zeit verstreicht im Galopp!
Wie´s weitergeht, muss ich dir nicht sagen,
du hast endlos dich damit rumgeschlagen.“

„Oh ja, wer wüsste das besser als ich.
Die Brut steckt die Beine unter den Tisch.
Der Mann nörgelt rum, alles zerfällt,
zuviel an Arbeit, zu wenig Geld.
Penetrant tickt dazu die biologische Uhr,
Beschwerden kommen, woher denn nur?
Romantik, Tanzen und bisschen Spaß?
Man überlegt krampfhaft: Wann war denn das?“

Genau so war´s.
Ich hab dann geschwiegen.
Mein Schutzengel zeigte Mitgefühl:


„Kein Mensch hat es leicht im Erdengewühl.
Als flösse das Leben dahin wie auf Schienen,
und Frauen sind Meister im stillen Dienen.
Du hast dich vollkommen aufgegeben,
um nur noch für Job und Familie zu leben.
Und damit hast du auch dein Frausein begraben,
warst nicht mal mehr für einen Flirt zu haben.

Selbst mein Geigenspiel hast du abgelehnt.
Ich weiß es, du hattest nichts gegen mich,
du hast dich für dich selber geschämt.
Fürchtest, dass deine Elfe wieder erwacht
und sich womöglich selbständig macht.
Du dachtest, wenn sich ein Mann um dich schert,
da tickt der nicht richtig, da läuft was verkehrt.“

„Ja, Engel. Genau so hab ich gedacht:
Dass jemand sich über mich lustig macht.“

„Als Elfe hast du noch alles geliebt,
dich selbst und die Welt, ganz vorurteilsfrei.
Als Frau liebtest du nur noch deine Familie
und sehr viele Sorgen waren immer dabei.

Jetzt als ältere Frau läuft es ganz verkehrt.
Du scheinst dir selber gar nichts mehr wert.
Du schaust an dir runter, schaust auf dein Leben.
Wer sollte diesem noch Liebe geben?
Ein bisschen Selbstrespekt ist noch da.
Hast immer gekämpft, und das weiß man ja.
Doch die echten Gefühle sind alle verraucht,
all deine Liebe scheint aufgebraucht.“

„Ich bin eine gute Geschäftsfrau geworden,
ich habe studiert und mich emanzipiert.
Ich habe nicht allzuviel Dreck am Stecken
und anständig immer mein Leben geführt.“

„Das ist keine Liebe, das ist nur Stolz.“,
warf wenig beeindruckt mein Engel ein.
„Und wenn du Dreck wärst, tief in der Gosse,
würdest du immer noch liebenswert sein.
Aber –  dich selbst bedingungslos lieben
muss du im Herzen erst wieder üben.“

„Ich kann nichts dafür, bin halt so geworden:
Absurd, eine alte Tasche zu lieben,
die sollte man besser ins Feuer schieben.“

„Dann schiebe sie rein in dein Feuer der Liebe!
Schäme dich um nichts! Sei nicht verklemmt!
Du schufst dir die Frau und schufst dir die Tasche,
dass die Elfe in dir überleben könnt´.
Und sie hat überlebt! Eben deswegen!
Geborgen hat sie in dir gelegen.
Nach außen hin bist du spröde und hart,
aber du hast deine Elfe bewahrt.
Wie miserabel du dich oft fühlst,
wie neidisch du oft auf andere schielst,
Egal, wie schwer deine Jahre auch sind –
sie schützten die Elfe, dein inneres Kind.“

„Warum werden dann alle Menschen verachtet,
die nicht mehr ins Elfenraster passen?
Man verspottet, verachtet, belächelt sie,
sie dürfen sich kaum noch blicken lassen.
Im Fernsehen bleiben sie ganz außen vor,
und wenn, dann sind sie auf jung getrimmt.
Kein Wunder, wenn ältere Frauen sich schämen,
weil man sie bloß noch zum Putzen nimmt.“

Eine Putzfrau hat in Dortmund. ein Denkmal zerstört


„Ja,“ lacht der Engel, „und kommt mal ein Künstler,
der sie beachtet, und der mit ihr spricht.
der sie noch zum Rendezvous einlädt,
der sogar noch die erste Geige spielt,
dann hat die Tasche nur dafür zu sorgen,
dass die Frau nicht den steinernen Panzer verliert.“

„Was will denn ein Künstler mit so einer Alten?
Ich lasse mich ungern zum Narren halten
und hätte auch nie einen Ausbruch geschafft.“

„Du hast dich nie dazu aufgerafft.“

„Du siehst also eher die Elfe in mir?“

„Wir Engel sind alle Elfenbefreier,
das ist unser Job, dafür sind wir hier.
Wie ihr euch in Jahren versteinert habt,
das tragen wir Schicht um Schicht wieder ab.“

„Das wird bei mir wohl kaum gelingen.
Ich bin viel zu alt, und viel zu kaputt.
Wohin ist Liebe und Leidenschaft?
Meine Gefühle sind lange schon Schutt.“

„So lern´ wieder zu fühlen! Lasse dich fallen!
Kitzle dir selbst deine Elfe wach!
Lache und freu dich! Genieße alles,
was deine Elfe fröhlich macht.
Tu was du willst! Tanze und male!
Tobe und brülle! Weine und strahle!
Lebe mal wieder aus erster Hand
und nicht über Regeln und über´n Verstand.
Der Elfe gefällt es, wenn du mit ihr spielst!
Musst´ alle Fesseln und Klammern entfernen,
die du dir selber angelegt hast,
damit du perfekt in die Außenwelt passt.
Altes Mädchen – musst wieder fliegen lernen!“

„Fliegen ist gut. Herr Führungsoffzier!
Grad war ich im Himmel, und jetzt bin ich hier.“

„Und – bist du abgestürzt? Hat dir´s gefallen?“

„Es war entsetzlich, so hoch zu schießen,
selbst Engel zu spielen und nichts von zu wissen.
Doch gebe ich zu, das Schweben war schön.
Hoch im Himmel auf einer Stelle stehen.
Alle Schwere fiel schlagartig von mir ab,
als ich wusste, dass ich Propeller hab.“

„Also hat dir´s gefallen. Ich hab es gewusst,
dass man dir die Blockaden erst lösen muss.“

„Also, du hast mich in den OP geschickt?
Das glaubt mir keiner! Das ist verrückt!“

„Ich sprach doch: Wir Engel sind Elfenbefreier,
arbeiten quasi an einer Befreiungsfront.
Und was wir tun, ist genial und gekonnt.
Erst nerven wir euch mit abstrusen Gerüchen,
dann wird geflirtet, was das Zeug hält.
Dann wird provoziert in tausenden Masken,
bis endlich beim Menschen die Maske fällt.“

„Ja, ich verstehe. Der Plan ist perfekt.
Im Hirn wird ein seltsamer Duft installiert,
verbunden mit einem kuriosen Flirt,
der dann immer die erste Geige spielt.

Riech´ ich den Duft, kommt dieser Flirt
nebenbei mir sofort in Erinnerung.
Ich hatte Elfe und Frau schon begraben,
doch schlagartig bin ich dann wieder jung.
Genial, dieser Trick – und unverfroren.
Ihr Engel habt´s faustdick hinter den Ohren.
Und wäre ich nie ins Theater gekommen?
Welchen Verlauf hätt´ es dann genommen?“

„Da planen wir Engel sehr variabel.
Alles – außer Scheitern – ist akzeptabel.“

„Und wie steht´s bei den Männern?
Ist da auch was begraben?
Die müssen doch auch etwas intus haben.
Na ja, ich fürchte und ahne es schon:
In jedem Mann steckt ein innerer Gnom.
Und je älter die Gnome, das sei gesagt,
desto eifriger gehen sie auf  Elfenjagd.“

„Sei doch nicht boshaft und ständig so bitter:
In jedem Mann steckt tief drinnen ein Ritter.“

„Da ist dieser aber sehr tief begraben!
Wie gern wollte ich einen Ritter haben!
Keine zwei Jahre hat das funktioniert,
dann ist mein Ritter zum Pascha mutiert.“

„Nun ja, seine Elfe war auch verschwunden,
so ward auch der Ritter gleich festgebunden.
Schau, Elfe und Ritter sind beide zu schützen,
man kann sie nicht offen liegen lassen.
Viele gierige Hände würden sofort
und brutal nach den kleinen Geschöpfen fassen.

Du und dein Mann, ihr habt´s richtig gemacht.
Ihr habt sie versteckt und nicht umgebracht.
Schau, ihr zwei seid noch immer zusammen,
mal knurrig, mal lieb, nichts steht in Flammen.
Doch Ritter wie Elfe hatten alle diese Zeit
ein kleines Stück innere Geborgenheit.“

„Und wie reißt ihr Engel die Männer auf?
Das würde mich wirklich noch interessieren.
Können auch Männer die Engel spüren?
Läuft´s über Nase, Augen und Ohren?
Läuft´s über ein zartes Kribbeln im Nacken?
Aha, ich weiß, es läuft über Autos!
Über Autos sind alle Männer zu packen.“

„Ja, Männer wollen ganz anderes haben:
Von Rennpferd bis Schlampe und Schützengraben.
Auch der Mann kriegt Inszenierung perfekt,
bis er selber den Ritter in sich wieder weckt.
So ein Aufweckprozess ist sehr kompliziert,
weil er vieles im Innern des Menschen berührt.
Von Begehren bis Abscheu, von Lachen bis Weinen,
sein eigener Panzer muss ihm sichtbar erscheinen.

Viele Ritter haben nach ihrem Stress als Mann
sich in einen Werkzeugkasten getan.
Fast alle Männer fühlen sich am besten
als wandelnde Geld- oder Werkzeugkästen.
Diese müssen sie lieben, um sie zu entfernen,
erst dann können sie wieder fliegen lernen.“

„Menschenskind, Engel, du bist ein Filou!
Glaub mir, ich höre dir gerne zu.
Raffiniert seid ihr Engel, da gibt´s keine Frage,
so bringt ihr der Menschen Inneres zutage.
Also müssen wir Äußeres integrieren,
um das Innere wieder nach außen zu führen.“

„Genauso ist es, ganz kurz gesagt.
Und du hast das Fliegen ja wieder gewagt.“

„Gewagt? Man hat mich dazu gezwungen!
Ich bin nicht selbst in den Himmel gesprungen.“

„Du bist aber ins Theater gekommen!
So hat dein Programm seinen Lauf genommen.
Dein Panzer war mangelndes Selbstwertgefühl.
Du dachtest, dass keiner dich liebhaben will
und meintest, dass es ganz unmöglich wär,
rief dir einer ein Kompliment hinterher.
Du warst so zerstört, du warst so verklemmt:
eine Tasche. Von Elfe und Frau getrennt.

Wie eine Distel ließt du nichts an dich ran.
Du hast dein Leben lang Schlachten geschlagen,
und da kommt plötzlich so´n komischer Mann,
und trägt dir ein Spiel auf der Geige an?
Das war zuviel! Konntest es nicht ertragen!

Aber tröste ich, so geht´s den meisten Paaren.
Jeder muss in diesem Erdenleben
die Trennung zwischen innen und außen erfahren.
Elfen wie Ritter wurden degradiert,
und so haben die Paare dahin vegetiert.
Aber glaub mir, sobald alle auferstehen,
werden sie wieder auf  Brautschau gehen.“

„Und alles wird wieder so wie gehabt?
Na danke, dann mög meine Elfe schlafen.
Ich hoff´, meine Elfe ist nicht so dumm,
sich mit falschem Ritter erneut zu bestrafen.“

„Vergiss nicht, dass Elfe und Ritter dann fliegen!
Vergreift sich mal einer heftig im Ton,
fliegt sein Partner einfach – husch, husch – davon.“

„Das ist perfekt, das leuchtet mir ein:
Sie sind frei, müssen aber nie einsam sein.“

Und ich dachte zurück an so manches Jahr,
als ich unfrei und dennoch sehr einsam war.
Wie oft habe ich mir sehnlichst gewünscht,
einfach wie ein Vogel davon zu fliegen.
Erschöpft dacht´ ich oft: Schmeiß alles hin!
Wirf alles weg! Lass alles liegen!
Es ging einfach nicht, ich war wie gefangen.
Das Leben war an mir vorbeigegangen,
ich musste mich in mein Gefängnis fügen.

Der Engel sah mich sehr nachdenklich an:
„Ich seh, was du fühlst. Ich weiß, wie dir ist.
Ich sehe die Tränen in deinen Augen.
Du erkennst wieder, dass du Elfe bist.“


Die Vorstellung ging ihrem Ende zu,
und den letzten Akt wollte ich  nicht verpassen.
Wenn man schon ein Theater besucht,
muss sich auch etwas berichten lassen.

Vorher will ich den Engel noch bisschen necken,
er wird viele Jahre sich wieder verstecken:

„Wie werde ich nun deinen Duft vermissen,
nach Mottenkugeln und Pferdedecken!
Ehrlich, mit solch penetrantem Gestank
kannst du Völkerstämme erschrecken.“

„Es war nicht leicht, solchen Duft zu kreieren,
er musste nicht nur sehr einprägsam sein,
er musste vor allem auch provozieren
und so fiel mir folgende Duftnote ein:

´Teurer Wollstoff im Nieselregen.
Dunkles Tuch, Jahre im Schrank gewesen.
Wenig gelüftet, stets auf dem Bügel.
Ein Junggeselle, von Mama betreut.
Ein wenig Motte, eine Spur von Moder.
Ein Dasein, leblos und doch nichts bereut.´

Der Entwurf deckte exakt dein Defizit ab
und musste dich aus der Reserve bringen.
Und siehst du, nach grade mal dreißig Jahren
konnte das Wunder mir schon gelingen.“

Ich lachte: „Danke für diesen Duft
nach nasser Wolle mit Moderhauch.
Doch bitte – spiele doch einmal nur Geige!
Aber eine CD tut´s auch.
Und kannst du nicht deine Maske abnehmen?
Nur einmal will ich sehen, was drunter ist.
Du scheinst so viele Gesichter zu haben,
denn er erste Geiger bist du heut´ nicht.
Wir stehen hier im Foyer, reden und spinnen,
und sämtliche Darsteller arbeiten drinnen.“

Da nahm er die Hände hoch zum Gesicht,
verzerrte die Maske ganz fürchterlich,
riss sie dann mit einem Ruck runter –
und trug eine andere Maske darunter.

Er lachte, die Haare ziemlich verschwitzt:
Nun Frau Tasche, hat dir´s genützt?
Ich werde immer nur Masken tragen,
als viele Menschen will ich dir was sagen.
Als Katze sitz´ ich auf deinem Schoß.
Ich renne sogar als dein Hündchen los.
Aber nur, wenn´s sein muss.“ Er tat vergnatzt.

„Ich hab dir auch manches Ding verpatzt.
Immer wenn du am Abrutschen warst,
hab ich Steine dir vor die Füße geschmissen.
Mit dem Geld bin ich vor dir ausgerissen.
Einmal bist du dem Teufel zu Kreuze gekrochen,
da hab ich dir knallhart ein Bein gebrochen.
Da war´s wieder aus mit der Teufelskarriere
und du bliebst zuhause in der alten Misere.
Alles, ja alles, was ich dir gegeben,
diente stets deiner Elfe zum Überleben.

Ich plagte dich öfters und schonte dich nicht.
So wurde dein Elfenschutz sicher und dicht.
Ich hab´s manchmal heftig mit dir getrieben.
Weißt du, so können nur Engel lieben.“

„Das bedeutet, die Elfen können auch sterben?
Und die Ritter auch? Und was passiert dann?“

„Ich will dir nicht diesen Abend verderben.
Bald erkennst du, was alles geschehen kann.“

Er schob mich energisch hinein in den Saal.
„Gleich kommt das Finale, schauen wir mal.“

Lautlos trat ich in den Saal hinein,
doch mein Engel war weg, ich war ganz allein.

Verpasst hatte ich fast das ganze Spiel.
Aus dem Graben dröhnte Orchestermusik.
Der Beifall verebbte´, der Vorhang fiel
und öffnet´ sich nochmal ein kleines Stück.
Ein niedliches Mädelchen trat hervor,
eine zierliche Geige in kleiner Hand
und spielte und spielte und hörte nicht auf,
und spielte das Publikum um den Verstand.

„Sie spielt wie ein Engel.“, sprachen die Leute.
„So etwas haben wir nie erlebt.“
„Sie ist eine Engel.“, ließ ich verlauten.
„Sie ist ein Engel und weckt die Elfen.“

Dann erinnerte ich mich meines Propellers
und bin kurzerhand nach Hause geschwebt.


weiter mit dem 2. Akt

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