Die Todgeweihten

Die Todgeweihten

Die Generation der Väter fehlt.
Wo ist sie abgeblieben?
Sie wollten alle wieder heim
aus diesen blutigen Kriegen.

Sie hatten Frauen, hatten Kinder,
hatten Eltern, Schwestern, Brüder
und alle einen Herzenswunsch:
„Vertraut, wir kommen wieder!“

Bis sie verschwanden unbemerkt,

allmählich, ohne Hast,
einfach nie mehr zurückgekommen.
wie im Hintergrund verblasst.

Die Jahre rasten schnell dahin
im Stress der Kriegeswunden.
Gefangene kehrten wieder heim
Vermisste blieben verschwunden.

Doch hinter vorgehaltener Hand
entstand den Wundermär,
dass jetzt noch existieren würde
das todgeweihte Heer.

Mit ihrer Technik wären sie
uns weit vorausgeeilt,
in ferne Welten jenseits,
wo kein Erdenmensch verweilt.

Sie flohen tief ins ewige Eis
auf Nimmerwiederkehr
und wie durch Schleier drang nur leis
verbotenes Flüstern her.

Wer wusste wo sie abgeblieben
und was sei davon wahr?
Die Mütter, Frauen Kinder starben –
vorbei ging Jahr und Jahr.

Und immer wieder kam der Ruf
aus unendlicher Weiten –
sie sind real, doch leben längst
in anderen Raum und Zeiten.

Nach ein paar Jahren Trennung
ist der Schmerz langsam verwunden.
Die gingen und die blieben,
hatten sich abgefunden.

Das Leben ist zu kostbar-kurz
für sinnlos quälend´ Warten.
Ohne der Väter festen Grund
hieß es nun neu zu starten.

Die Nachkriegskinder kannten
ihre Väter schon nicht mehr.
Die Mütter wurden hart und müd,
ihre Pflichten furchtbar schwer.

Nur selten hielt man inne noch
für einen Augenblick,
Die Kinder kriegten wieder Kinder
es wächst ein neues Glück.

All die vermissten Männer schwanden
aus der Verlassenen Sinn.
Nur Omis schauten auf die Enkel:
„Da steckt mein Liebster drin.
Er ging und kam nie mehr zurück.
Nichts weiß ich mehr von ihm.
Ist er längt tot? Oder wo wird
er seine Kreise ziehen?

Gibt es ihn noch in dieser Welt
oder in einer andern?
Er hat kein Grab, zu keinem Ort
kann meine Seele wandern.“

Von Zeit zu Zeit keimt Hoffnung auf
in mancher stillen Stunde.
Gerüchte übers ewige Eis
machen geheim die Runde.

Sie leben noch, sie sind noch da
doch dürfen sich nicht zeigen,
bis eines Tages sie wie Phönix
aus ihrer Asche steigen.

Die Enkel kriegen wieder Kinder,
Jahrzehnte rasch enteilen,
doch wo es keine Trauer gibt,
kann auch kein Herzeleid heilen.

Man kann es nur verstecken
und Schmutz und Dreck drauf häufen
oder den Schmerz in Ignoranz,
in Größenwahn und Arroganz
und Schnoddrigkeit ersäufen.

Die letzten Überlebenden
gehen nun dem Grab entgegen,
kein Seufzer um´s verlorene Heer
wird noch mein Volk bewegen.

Ein Bruch ist in der Ahnenkette,
sie ist porös geworden.
Schwer fällt´s den Jungen, unbeirrt
im Stamm sich einzuordnen.

Die wenigen Väter, die´s noch gibt
wenden sich ab und schweigen.
Sie können nicht in Endlosschleife
in dieses Drama steigen.

Verletzungen der Körper heilen
im Alltag irgendwie,
doch unverdiente Schmach und Schande
der Seele heilen nie.

Längst machten sich die Sieger breit
mit Kaugummi und Lachen:
„Wir werden nun aus eurer Jugend
ganz andere Kerle machen!

Es ist der Sieg uns schon genug,
eure Brut euch abzunehmen!
Bald werden sie euch nur noch hassen
und schrecklich für euch schämen.“

Das war die zweite Niederlage.
Wer konnte das verwinden?
Verräter nicht beim Gegner, sondern
im eigenem Kind zu finden?

Es meldete sich nie zurück,
das versprengte deutsche Heer
Und kämen sie, wer glaubte denn,
dass da viel Jubel wär?

Nach siebzig Jahren hat ein Volk
sich auch getrennt entwickelt,
jeder im eigenem Weg versponnen
und geistig eingeigelt.

Entfremdet sind sie beide
in getrennter Einsamkeit.
Wird je ein Zugang neu sich finden
deutscher Gemeinsamkeit?

Kommen sie wieder oder nicht?
War´s ein vergeblich´ Hoffen?
Still schweben wir durch Raum und Zeit
und es ist alles offen.

Wer träte uns im Fall des Falles
am Ende denn entgegen?
Träfen hier stolze Gotteskrieger
auf uns verdorbene Kröten?

Uns Deutschen hat sich unsere Schmach,
allzeit versagt zu haben,
ganz bitter bis zum tiefsten Grund
der Seele eingegraben.

Das Deutschtum, wie es hätt´ sollen sein,
steht täglich uns vor Augen.
Einer gestählt, einer verwahrlost –
das kann als Paar nicht taugen,

Das Idealbild eines Menschen,
wie sich der Deutsche sah,
war Siegfried einst als Drachentöter.
Davon ist nichts mehr da.

Wie die Verlorenen frei sich kämpften
durch Einsamkeit und Eis,
so machten alle Höllenfürsten
uns hier die Hölle heiß.

Wir wurden siebzig Jahre hier
verblödet und geknechtet,
mutierten hier zum Sklavenvolk,
erduldend und entrechtet.

Geteilt, zerfetzt bis in den Grund,
tief in die deutsche Seele,
gibt es noch eine Eigenschaft,
die man als ´urdeutsch´ zähle?

Gäb einmal es ein Wiedersehen –
und dauert´s noch so lange,
müssten wir uns in die Augen schauen.
Wem wär davor nicht bange?

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